Finsterstes Brandenburg

Von künstlichem Licht verschont: Die Milchstraße, deutlich zu erkennen im Westhavelland [Foto: Thomas Becker]

Das Westhavelland ist das sternenreichste Gebiet Deutschlands. Dort wird die Nacht touristisch zum Tag. Die dunkelste Nacht findet sich in einem abgelegenen Flecken Brandenburgs. Der Sternenpark Westhavelland wurde im Februar 2014 von der International Dark Sky Association (IDA) zum ersten deutschen Sternenpark ernannt. Astronomen und Hobby-Astronomen kommen in Havelaue auf ihre Kosten. Von künstlichem Licht verschont ist hier besonders das Kerngebiet zwischen Gülpe und Nennhausen. Das etwa 80 Kilometer von Berlin entfernte Landstück ist dünn genug besiedelt, um einen ungetrübten Blick in den sternenreichen Nachthimmel zu ermöglichen. Dieser Umstand lockt Sternengucker und -fotografen aus der ganzen Bundesrepublik an. Schon mit bloßem Auge ist die gesamte Milchstraße zu bestaunen. So etwas gibt es nicht mehr oft in Europa. Höchstens in Mecklenburg-Vorpommern findet man noch ähnlich finstere Ecken, so Experten. Lichtverschmutzung ist das Stichwort. Gerade Tiere leiden nachweislich unter den vielen menschgemachten Lichtern.

Der Naturpark Westhavelland ist also auch Sternenpark. Im Naturparkzentrum in Milow wurde eine spezielle Kabine eingerichtet, in der Lampen den Sternenhimmel nachbilden. Zwei Naturführer haben sich astronomisch weitergebildet und bieten thematische Wanderungen an. Vom „Sternenblick Parey“ aus, gelegen im Hof der Naturparkverwaltung, können Hobbyastronomen wie Profis in ferne Welten schweifen. Für den Blick in die Sterne steht ihnen hier an klaren Neumondnächten ein großes Teleskop zur Verfügung. Die Röhre des Fernrohrs misst dreieinhalb Meter. Es hat 17,5 Zentimeter Linsendurchmesser und eine Brennweite von 261 Zentimetern. Das historische Gerät stammt aus dem Planetarium Potsdam und wurde der Beobachtungsstation anlässlich der Einrichtung des Sternenparks geschenkt. Das Erlebnis des Sternenhimmels ist aber auch ohne Technik  tief beeindruckend.

Ortsansässige Gastgeber haben sich mittlerweile auf die Astrotouristen eingestellt. Für Camper ist in Gülpe ein Wohnmobilstellplatz mit Stromanschluss geschaffen worden, der sich explizit an diese Besuchergruppe wendet. Vermieter von Ferienwohnungen veranstalten Workshops, verleihen aktuelle Sternkarten, Fernrohre und Beobachtungsbrillen. Auf einer speziellen Landkarte sind die besten Beobachtungsstandorte der Gegend verzeichnet. Neben den Planeten unseres Sonnensystems lassen sich so auch entfernte Himmelsobjekte entdecken, darunter Kugelsternhaufen, Doppelsterne und galaktische Nebel. „Hobbyastronomen sind hier genauso richtig wie Naturfreunde und Familien“, so Thomas Becker von der Naturparkverwaltung Westhavelland. Für Nachtwanderungen sind Kinder in der Regel immer zu begeistern, und Sterne bieten allemal genug Raum für Fantasie. Einige Details sollten alle Sterngucker allerdings berücksichtigen. Wirklich richtig dunkel ist der Himmel frühes­tens anderthalb Stunden nach Sonnenuntergang. Passionierte Sterngucker achten natürlich auch auf die Jahreszeit. „Frühjahr, Herbst und Winter bieten die besten Rahmenbedingungen. Im Sommer sind die Nächte kürzer, und im Juni wird es überhaupt nicht vollständig dunkel“, sagt Thomas Becker. „Mitte August allerdings sind Sternschnuppen eine zusätzliche Attraktion.“ Helle Lichtquellen sollten während der „Sternzeit“ vermieden werden. Um sich vor Ort zu orientieren, sind demnach Rotlichtlampen angeraten. Ein wenig Glück gehört allerdings immer dazu, denn bei bewölktem Himmel nutzt auch die dunkelste Ecke Deutschlands wenig. Übrigens: Die Gegend ist ebenso tagsüber eine Reise wert. Der Havelradweg lockt zu jeder Jahreszeit, und in Zeiten des Vogelzugs gesellen sich die Ornithologen zu den Sternguckern und Radlern.

Karen Schröder

 

INFORMATION

Der Tourismusverband Havelland e.V. hat zum Sternenpark eine Broschüre herausgegeben, die man sich auch im Internet herunterladen kann. www.sternenpark-westhavelland.de

 

72 - Herbst 2017
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