Page 68 - Berlin vis-à-vis - Nr. 76 - Herbst 2018
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| WOHNEN















                                                                                     „Ups!“, denkt sehr wahrscheinlich der
                                                                                     Besucher eines Designerhotels in
                                                                                     Trier, wenn er den ersten Schritt aus
                                                                                     dem Fahrstuhl hinaus in den atrium-
                                                                                     hellen Flur macht. Das Kopfsteinpflas-
                                                                                     ter ist nicht so holprig wie gewohnt. Es
                                                                                     gibt nach unter den Füßen. Schön
                                                                                     weich. Es ist eine charmante Illusion,
                                                                                     ein perfekter Fotoprint auf einem tex-
                                                                                     tilen Bodenbelag und erinnert an den
                                                                                     historischen Ort. Das Spiel mit irritie-
                                                                                     renden Sinneswahrnehmungen und
                                                                                     haptischen Erlebnissen hatte die
                                                                                     Schweizer Dada-Künstlerin Meret Op-
                                                                                     penheimer mit ihrer berühmten Pelz-
                                                                                     tasse “Déjeneur en fourrure“ ja quasi
                                                                                     schon vorweggenommen.

                                                                                     Die Vortäuschung von Material und
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                                                                                     in der Renaissance großer Beliebtheit.
                                Handgewebte Teppiche der Designerin Patricia Urquiola  Trompe-l’Œil-Malerei auf Wänden oder
                                            Foto: www.luisbeltran.eu                 Böden dient einer suggestiven Wahr-
                                                                                     nehmung und gilt ob der inszenierten
                                                                                     Perspektiven als Interieurraffinesse.

                                                                                     Dank neuer Scann- und Printtechno-
                                                                                     logien bzw. digitalisierter Webverfah-
                                                                                     ren, können nun Textilböden Strand
                                                                                     vortäuschen, sie können wie Granit
                                   Katrin Greiling vereint Teppiche und Sitz-Möbel   oder Marmor anmuten. Auch ein „Ra-
                                             Foto: Studio Greiling                   sen“ ließe sich ausbreiten. Edler sind
                                                                                     geometrische Suggestionen. Neue
                                                                                     Raumgefühle entstehen dort, wo sich
                                                                                     beispielsweise abstrakte dreidimensi-
                                                                                     onale Rhomben an Boden und Wand
                                                                                     gleichermaßen ausbreiten.

                                                                                     Aber nicht nur das: Die Berliner Künst-
                                                                                     lerin Amélie Grözinger legt auf das ma-
                                                                                     rode Fischgrätparkett des Schlossbo-
                                                                                     dens im märkischen Lieberose anläss-
                                                                                     lich einer Sommerkunstschau trittfeste
                                                                                     Spiegelfolie. Der Boden unter den Fü-
                                                                                     ßen erreicht eine schwindelerregende
                                                                                     Tiefe. Die Bodenhaftung scheint verlo-











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