Stadt  von morgen

Visualisierung des geplanten Hochhausturms am Europa-Center. Das Upper West, rechts, am Breitscheidplatz und das Zoofenster, links, bilden ein Torensemble zur Kantstraße [Abb. Jahn-Architekten]

Im Jahr 2050 werden laut Experten-Schätzung mehr als zwei Drittel aller Menschen in Metropolen leben. Eine der größten Herausforderungen wird dabei sein, wie es den großen Städten dieser Welt gelingt, die Gestaltungs- und Nutzungsvielfalt zu wahren, also gleichermaßen authentisch wie umweltbewusst und lebenswert zu wachsen. In der Berliner City West hat Helmut Jahn einen Hochhausturm geplant, der verspricht, all diese Anforderungen zu erfüllen.

Städte üben überall auf der Welt eine große Anziehungskraft aus. Das stellt alle am Wachstum einer Stadt Beteiligten vor Herausforderungen hinsichtlich der Bewältigung und Lenkung des Verkehrs, der Versorgung der Einwohner und nicht zuletzt der Integration von baulich Neuem in Bestehendes. Für eine auf Wachstum konditionierte Gesellschaft gibt es keine Patentrezepte. Jedoch muss es der Stadtentwicklung gelingen, den Veränderungsprozess in einer Metropole mit Achtsamkeit und Glaubwürdigkeit zu begleiten. Das ist Anliegen des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf und der AG City. Experten aus verschiedenen Bereichen kümmern sich seit einiger Zeit um die Stadtentwicklung rund um den Kurfürstendamm. Um dem großen Bedarf an Büros, Wohnungen, Einkaufsmöglichkeiten und kulturellen Angeboten gerecht zu werden, geht es schwerpunktmäßig um die notwendige bauliche Verdichtung – mit Augenmerk auf die Erhaltung der typischen Berlin-Mischung, also der neben- und miteinander bestehenden Vielfalt von Lebensformen.

Die Familie Pepper spielt bei der städtebaulichen Entwicklung Berlins seit der Nachkriegszeit eine große Rolle. Als Bauinvestoren gehören ihr unter anderem mehrere Häuser am Ernst-Reuter-Platz sowie das 1965 eröffnete Europa-Center. Nach dem Tod des Begründers Karl Heinz Pepper führen Sohn Christian und Enkel Patrick die Immobiliengeschäfte. Vor über 50 Jahren setzte die Familie mit den visionären Ideen für Berlin ein Zeichen mit dem Bau des Europa-Centers. Nun soll ein von Star-Architekt Helmut Jahn geplanter Bau am Europa-Center ein neues Zukunfts-Signal senden.

Hochhäuser und Türme als vitale Symbole der Verdichtung sind laut Helmut Jahn architektonisch, städtebaulich und ökonomisch innerstädtisch von großem Vorteil und schaffen Freiräume. Sein Plan für das Europa-Center ist ein – je nach Entwurf – 240 bis 300 Meter hoher Turm aus Glas, Beton und Stahl, mit rund 70 000 Quadratmetern Nutzfläche, der neben Büros und Wohnungen auch ein Hotel und gastronomische Einrichtungen beherbergen soll. Gottfried Kupsch, Vorsitzender der AG City, sowie Uwe Timm, Leiter des Europa-Centers, sind sicher, dass der Bau von Hochhäusern für eine wachsende Stadt die perfekte Lösung ist, da zunächst Arbeitsplätze, dann Lebensräume geschaffen würden. So könne auch die City West noch weiter wachsen. Selbstverständlich sei dabei das harmonische Verschmelzen von Traditionellem mit Modernem wichtig, neu Geplantes müsse sich organisch einfügen. Erst wenn die Öffentlichkeit das neue Gebäude akzeptiere und in Besitz nehme, so Uwe Timm, sei Authentizität erfolgreich umgesetzt.

Der Sockel des neu geplanten prägnanten Turms soll auf dem Areal des jetzigen Parkhauses in der Nürnberger Straße errichtet und mit dem bestehenden Europa-Center verbunden werden. Sowohl bei der Erstellung wie auch beim Betrieb soll Nachhaltigkeit oberstes Gebot sein. So kann etwa mithilfe moderner Fassadentechniken, die für Wärme-Rückgewinnung sorgen, das Objekt energieneutral gestaltet werden. Die Projekt-Entwickler haben auch zum Thema Verkehr fundierte Erkenntnisse: „Ein innerstädtisches Wachstum um 500 000 Quadratmeter ist laut Studien unproblematisch und für die Stadt verkraftbar“, so Gottfried Kupsch. Auch die Mobilität in der Stadt sei gewährleistet. Der Trend der Urbanisierung habe auch im Bereich der Mobilität ein hohes Potenzial hinsichtlich Klimaschutz, Flächeneffizienz und Kostensenkung. Aufgrund einer zu erwartenden stärkeren Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs sei in der City West kein Bau neuer U- oder S-Bahn-Linien erforderlich. Auch die innerstädtische Mobilität mit dem Fahrrad oder zu Fuß werde weiter zunehmen, wie Machbarkeitsstudien verschiedener Ingenieurbüros belegen. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse spare Verdichtung Ressourcen, sei also eine vernünftige Lösung.

Die Bewohner der Innenstadt wünschen sich lebendigen, attraktiven und bezahlbaren Wohn- und Lebensraum. Bauliche Veränderungen dürfen das Stadtbild nicht zerstören, sondern sollen es im Idealfall bereichern. Zur Wahrung der Berliner Mischung ist auch das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und verschiedener sozialer Schichten von Bedeutung.

Aus all diesen Gründen müssen Hauptstadt-Quartiere von morgen ebenso auf die Zustimmung der Öffentlichkeit wie auf die der Politik setzen. Zur Vorstellung des neuen Hochhausprojekts am Europa-Center gab es bereits drei gut besuchte Workshops in der City West, weitere sind geplant. Sobald breite Akzeptanz erreicht ist, können Visionen wie der Hochhausturm Wirklichkeit werden.

Edith Döhring

 

73 - Winter 2018
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