Teatime

Herbst. Stürme. Regen. Wer jetzt kein Haus hat, hat vielleicht eine Teekanne. Je größer, desto lieber. Liebeserklärung an ein Getränk, das niemals aus der Mode kommt. Und die Menschen seit jeher inspiriert hat, auch in der Hauptstadt: Zwei besondere Tee-Ideen kommen aus Berlin.

Der Anblick einer Teekanne stimmt den Menschen versöhnlich. Und zuversichtlich. Denn erstens gibt es gleich ein köstlich-heißes Getränk, der zarte Duft von Tee tanzt durch den Raum, und zweitens lässt sich, einem Sprichwort zufolge, beim Tee der Lärm der Welt vergessen. Und die Sorgen, Liebeskummer und Kontoauszugszahlen gleich dazu. Am schlauesten haben sich seit jeher die Briten dem Getränk hinzugeben verstanden. Sie trinken, wenn sie traditionsbewusst sind, ihren Tee nicht einfach zwischendurch oder gar schnöde „to go“, sie haben ihm eine bestimmte Tageszeit zugeordnet: Teatime. Und wehe, das Telefon läutet oder jemand stört gar durch unangemeldetes persönliches Erscheinen! Auch in Berlin wird der „High Tea“ zelebriert, zum Beispiel im Hotel „The Ritz Carlton“ am Potsdamer Platz oder im „The T Room“ in der Christinenstraße in Mitte. Wer im Herbst und Winter eine Reise an die Ostsee plant, dem können wir den „High Tea“ im Hotel „Travel Charme Strandidyll“ im Kaiserbad Heringsdorf empfehlen. Zu einem britischen Nachmittagstee gehören, nebst Tee, drei Gänge unwiderstehlicher Köstlichkeiten: Sandwiches mit Gurken, Lachs oder Schinken, Scones (Teegebäck, das mit Clotted Cream und Marmelade serviert wird) und Süßigkeiten wie kandierte Früchte oder Pralinen.
Die besten Ideen kommen, wie jeder weiß, seit jeher aus Berlin. So auch beim Tee. Der holländische Arzt Cornelius Bontekoe (1647-1685) riet seinem prominentesten Patienten, dem „Großen Kurfürsten“ Friedrich Wilhelm, zu „bis zu 100 Tassen Tee am Tag“. Vom Leibarzt empfohlen, wer konnte da schon Nein sagen oder gar Zweifel hegen? Schmeckte das neumodische Getränk doch gut, und wenn es auch noch heilen sollte, bitte schön! Der holländische Mediziner jedenfalls glaubte fest an die Heilwirkung, und er hatte noch so manch andere Überraschung für seine Kundschaft parat: Bontekoe führte auch den Kaffee und die Schokolade am Hof ein. Wir wissen nicht, wie viele Menschen sich an die aus heutiger Sicht doch recht gewagte Empfehlung von 100 Tassen täglich gehalten haben. Dem Ruf des Getränks jedenfalls schadete es nicht; Tee eroberte das Land und die Salons (anfangs waren die köstlichen Blätter nur für Wohlhabende erschwinglich).
Der zweiten großen Tee-Idee, die aus Berlin stammt, scheint eine längere Lebensdauer beschieden zu sein: 1985 gründete Günter Faltin die „Teekampagne“. Die Geschäftsidee will die günstigsten und fairsten Konditionen für Teeplantagen-Unternehmer in Indien und Kunden in Deutschland vereinen. Um das verwirklichen zu können, hat sich Faltin auf eine – die beste – Sorte Tee, den Darjeeling, spezialisiert, der an den Hängen des Himalaya wächst. Und durch Beharrlichkeit dafür gesorgt, dass der Zwischenhandel ausgeschaltet wird, zum wirtschaftlichen Vorteil der Hersteller und ihrer Kunden. Die Konzentrierung auf nur eine Sorte macht es möglich, dass für große Mengen gute und faire Preise ausgehandelt werden können. „Luxus durch Einfachheit“ lautet das Faltinsche Geschäftsprinzip. Die Ware wird ausschließlich in Großpackungen verkauft, das spart Verpackungs- und Lagerkosten. Rund 400 Tonnen reinsten Darjeelings verschifft Faltin, der an der FU als Professor für Entrepreneurship tätig ist, jedes Jahr von Kalkutta aus nach Europa und ist damit einer der größten Tee-Importeure der Welt. Die Teekampagne im 25. Jahr ihres Bestehens sieht so aus, dass Kunden ihren Teevorrat für ein Jahr bestellen. Ein Kilo First Flush kostet 24 Euro. Aus einer guten Idee wurde ein erfolgreiches Geschäftsmodell, bei dem alle Beteiligten zufrieden sind. Darauf eine Tasse Tee!

[Foto: © Elena Efimova / Shutterstock]

Erfrischend oder beruhigend, je nach Ziehdauer, ist der Tee. Und er lässt romantische, neugierige Gedanken zu. Ein noch fremdes Gegenüber lässt sich beim Genießen herrlich, en passant, Schlückchen für Schlückchen, erkunden. Trinkt er oder sie den Tee mit Milch? Mit Zucker, und wenn ja, mit welchem? Weiß, braun, Kandis stehen zur Auswahl. Oder Honig. Wählt das Gegenüber selbstbewusst seine Lieblingssorte – Assam, Ceylon, Darjeeling, grün oder weiß vielleicht – oder zögert es bei der Bestellung? Tee ist nichts für Eilige. Die verführerischen Blätter zwingen den Menschen zärtlich in die Knie – glücklich, wenn man dabei auf einem Sofa landet und liebe, intelligente Menschen um einen sind. Abwarten und Tee trinken, heißt es gern. Es gibt viele Sprüche und vermeintliche Weisheiten, die sich um den Tee ranken. So, als müsste man sich erklären, entschuldigen gar, wenn man ihn liebt. Die Bedeutung des heißen Getränkes, aus Blättern hergestellt, wurde um 400 v. Chr. erkannt. Der Gelehrte Lao-Tse, der im 6. Jahrhundert vor Christus lebte, soll ein Liebhaber des Tees gewesen sein.
Es gibt viele schöne Geschichten, die sich um die begehrten Blätter ranken. So sollen die Mönche Saicho und Kukai im Jahr 801 n.Chr. die ersten Teesamen von China nach Japan geschmuggelt haben. Im Laufe der Zeit entwickelte sich ein regelrechter Teekult, wer die eleganten Handgriffe einer Teezeremonie beherrscht, will damit Reinheit, Harmonie, Ehrfurcht und Stille huldigen. Der Ausspruch „Er oder sie hat Tee in sich“ bedeutet in Japan, dass es sich um einen besonders kreativen und intelligenten Menschen handelt. Hierzulande hat man zuweilen „einen im Tee“ – mit Schöngeist hat das allerdings nichts zu tun.

Silvia Meixner

45 - Winter 2010/11