Page 18 - Berlin vis-à-vis - Nr. 75 - Sommer2018
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| STADT
Architekt Tobias Nöfer:
„Jede weitere Stadtentwicklung
muss mit intelligenten Ideen
und Technologien dafür sorgen,
dass ein gesundes und erfülltes
Leben in der Stadt möglich ist.“
Foto: Stefan Thissen
Moderne Wohnhochhäuser unterschei- schäftigen. Wir benötigen heute und In der breiten Bevölkerung sind Hoch-
den sich deutlich von früheren Bauten. in Zukunft auch unterschiedlichste häuser eher unbeliebt. Wie können
Die Wohnungen sind edel ausgestattet, neue Gewerbefl ächen für Betriebe, die solche Türme attraktiv gebaut werden?
haben große Balkone oder Terrassen, die wirtschaftliche Grundlage unserer
moderne Netzwerktechnik und hoch- Stadt liefern. Dieser Bedarf lässt sich Die Architekten sind in der Pfl icht,
wertige Sanitäreinbauten. Oftmals ha- natürlich nicht nur durch Hochhäuser Bauten zu entwerfen, die auch urbane
ben sie einen Concierge. stillen, aber sie können einen Beitrag Qualitäten aufweisen. Nehmen wir un-
18 liefern. Für die städtebauliche Wirkung ser Projekt „Upside“ am Ostbahnhof
Das Hochhaus ist keine Wohnform für ist nachrangig, ob die Türme nun als in Friedrichshain. Beide Türme stehen
jedermann. Das moderne Hochhaus ist Gewerbe, Appartements, Hotels oder nicht verloren da, sondern wachsen
eher etwas für „Urbaniten“, Leute, die Büros genutzt werden. Es gibt mehr aus Sockelbauten in die Höhe, in de-
zum Beispiel wenig zu Hause sind, als früher große Firmen, die nach Ber- nen Läden, Gastronomie und Büros
aber wenn, dann höchste Ansprüche an lin drängen. Internetbasierte Unter- entstehen. Somit ist ein urbaner Kon-
die Aussicht, die Wohnqualität und die nehmen beispielsweise haben einen text geschaffen, die Häuser sind ein-
technischen Standards entwickeln. Da- gigantischen Wachstumsbedarf. gebunden in ihr Umfeld und dadurch
für nehmen sie die vielleicht höhere verliert dieses nicht seine Aufenthalts-
Anonymität im Hochhaus eher in Kauf. Heißt es nicht, so hoch die Gebäude, so qualität. Vielleicht sind Hochhäuser
Aber auch für die brauchen wir Ange- wackelig die Vermarktungsaussichten? hier so unbeliebt, weil Berlin kaum
bote, denn sie sind ein ebenso wichti- gute Beispiele hat. Neben den beiden
ger Teil unserer Stadtgesellschaft wie Berlin wird international immer gefrag- neuen Bauten am Breitscheidplatz
die Kiez-Berliner. ter. Es werden eher Leute aus dem gibt es kaum hochwertige Hochhäu-
Ausland in ein Hochhaus investieren, ser. Es ist Aufgabe der Städtebauer
Sind Hochhäuser eine Strategie gegen weil es für sie nicht ungewöhnlich ist. und Architekten, eine Gestaltung zu
Wohnungsnot? Und Berlin ist im Vergleich mit anderen entwickeln, die dem menschlichen
Metropolen immer noch sehr günstig. Maßstab und dem urbanen Kontext
Mit Hochhäusern lindert man die Woh- Ein Hochhaus bietet eine grandiose gerecht wird und gleichzeitig dem
nungsnot sicher nicht. Der Bau von Aussicht und Berlin eine fantastische Formgefühl unserer Zeit entspricht.
Wohntürmen ist mit sehr hohen Kos- Lebensqualität. Die Stadt hat viel Grün
ten verbunden, das erklärt sich schon und ist intakt durchmischt. Wir müssen Danke für das Gespräch.
mit den erhöhten Sicherheitsanforde- darum kämpfen, dass wir die Mischung
rung an den Brandschutz – und teure aufrechterhalten. Auch für die öffentli- Ina Hegenberger
Wohnungen sind nicht das, was Berlin che Hand bietet sich die Chance, Ver-
vor allem braucht. Wir sollten uns aber waltungseinrichtungen und Ministerien
nicht nur mit günstigem Wohnen be- gebündelt unterzubringen.
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