Page 54 - Berlin vis-à-vis - Nr. 75 - Sommer2018
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| KULTUR








                                                    LITERATUR ALS LEBENSMITTEL


                                                    Über Literatur hat Irmtraud Gutschke   Versprechen der Kraniche“ zeichnet
                                                    als Redakteurin für die Tageszeitung   Gutschke ihre Suche nach Aitmatows
                                                    „Neues Deutschland“ oft geschrie-  Magie nach. Mehrfach begegnet sie
                                                    ben. Doch kein Schriftsteller hat ihr   ihm persönlich, badet mit ihm die
                                                    eigenes Leben so beeinfl usst wie der   Füße in einem kirgisischen Gebirgs-
                                                    kirgisische Großmeister Tschingis   bach und muss als Journalistin doch
                                                    Aitmatow. „Die Benommenheit nach   vor allem druckbare Sätze für ihre
                                                    der Lektüre, das Gefühl, eine Hand-  Zeitung mitbringen. Ein persönli-
                                                    breit über dem Boden zu schweben.“   ches, spannendes Buch, das auf ei-
                                                    Es folgte eine lebenslange Auseinan-  genwillige Weise erzählt, wie Litera-
                                                    dersetzung mit dem Schriftsteller,   tur ein Mittel des geistigen Überle-
                                                    der die untergehende Lebenswelt sei-  bens werden kann – und dass es
                                                    ner nomadischen Vorfahren themati-  doch gefährlich ist, von Schriftstel-
                                                    siert und die größten Erfolge dort   lern Antworten zu erwarten, die
                           Information              hatte, wo sich der Alltag der Men-  diese, wie Aitmatow selbst, auch
                  Irmtraud Gutschke: „Das Versprechen   schen radikal von Natur und Traditio-  nicht immer fi nden können.
                    der Kraniche. Reisen in Aitmatows
                                                    nen zu entfernen begann: in der Dik-
                     Welt“. Mitteldeutscher Verlag,
                                                    tatur des Ostblocks und im immer
                        200 Seiten, 16,– Euro.
                                                    satter werdenden Westen. In „Das

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                  EIN LEBEN LANG WARTEN

                  Die Filmemacherin Charlotte Henke   über die politischen Abgründe eines
                  ist eine harte Frau. Auch ihre Mutter   halben Jahrhunderts spannte und in
                  Anna hat nie klein beigegeben: Nach   der von Hunger über Spionage bis
                  dem Krieg von einem britischen Be-  Verrat nichts ausgelassen blieb.
                  satzungsoffi zier schwanger geworden
                  und dann sitzen gelassen, zog sie ihre   Vor allem ihre Jugendbücher haben die
                  Tochter alleine groß. Und hat nie auf-  Schweizer Autorin Federica de Cesco
                  gehört, an Jeremy zu denken, in Ge-  bei Generationen von jungen Leserin-
                  danken lebte sie all die Jahre mit ihm   nen und Lesern bekannt gemacht.
                  zusammen – bis das Schicksal, als   Spät hat die heute achtzigjährige Au-
                  Charlotte längst erwachsen ist, noch   torin angefangen, auch für Erwach-
                  einmal eingreift. Als die Mutter stirbt,   sene zu schreiben. „Der englische
                  fi ndet Charlotte im Nachlass die Ta-  Liebhaber“ – dem eine wahre Ge-
                  gebücher der einsamen Jahre. Erst   schichte zugrunde liegt – enthält alles,
                  jetzt beginnt sie zu verstehen, wo ihre   was de Cescos Bücher faszinierend
                  harte Schale herkommt. Sie ist Er-  machte: dramatische Wendungen, süf-     Information
                  gebnis der dramatischen Liebesge-  fi ge Sprache und immer ein enger Be-  Federica de Cesco: „Der englische
                                                                                          Liebhaber“, Europa Verlag,
                  schichte ihrer Eltern, die sich nicht   zug zum Alltag einer Epoche.
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                  nur über die zeitlichen, sondern auch














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