Page 74 - Berlin vis-à-vis - Nr. 75 - Sommer2018
P. 74
| WOHNEN
Egon Eiermanns „E10“ erhält seine Stabilität allein aus der Flechtung heraus
Foto: www.stylepark.com
Trotz der neuen Farben und Produkte kam die Sehnsucht nach Leinen,
Seide und Wolle schneller als gedacht. Naturmaterial sticht Chemie
oder behauptet zumindest selbstbewusst seinen Platz als Unikat
oder trendiger Solist. Rohr von kontrollierten Plantagen ist die
V oraussetzung für die charmante Rückkehr eleganter
74 Flechtmöbel. „ Die schlanken Stämme und Triebe meh-
rerer Arten der Palmengattung Calamus werden in
allen Wäldern des Indischen Archipels, besonders
auf Borneo, Sumatra und der Malaiischen Halbin-
sel gewonnen und von Oberhaut, Blättern und
Stacheln befreit, in den Handel gebracht.“ steht
in Meyers Konversationslexikon von 1907. China
und Japan galten als Hauptabnehmer. In Spanien
steht seit einen halben Jahrhundert immerhin als ei-
ner der großen Rattanverarbeiter die Fabrik Expor-
nim. Eine Stunde von Valencia entfernt, werden darin
seit fünfundfünfzig Jahren Flechtmöbel hergestellt.
Auch das skulpturale Sofa auf schwarzen Metallbeinen
von Benedetta Tagliabue wurde dort gefertigt.
Gefl ochtene Möbel haben eine lange Geschichte. Vermut-
lich waren Schilf und Binsen die ersten Materialien, aus de-
nen Sitzmöbel gewickelt wurden. Museale Abbildungen ver-
weisen auf eine zumindest fünftausendjährige Vergangenheit.
Deutlich jüngeren Datums sind Fotografi en, die zum Beispiel
Einblick in das Interieur der Pariser Grande Dame der Literatur-
und Kunstszene, Gertrude Stein, zu Beginn des 20. Jahr-
Der indonesische Designer Alvin Tjitrowirjo
hat die „Linger Bench“ entworfen
Foto: © 2017 AlvinT.
27.07.18 12:52
VIS75_BG5.indb 74 27.07.18 12:52
VIS75_BG5.indb 74

