Page 52 - Berlin vis-à-vis - Nr. 71 - Sommer 2017
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| KULTUR
DIE STUMME SEELE ITALIENS
Heute war fast jeder schon mal in Ita- Der Bildband zeigt die Fotos original-
lien. Im 19. Jahrhundert war das getreu vergilbt und angeordnet wie in
Land exotisch. Wer es erblicken einem alten Album. Sie wirken still
wollte, war auf Fotografi en angewie- wie ein Stummfi lm – und dadurch
sen. Gleich vier Funde aus der Früh- atemberaubend. Sie zeigen die Ruhe
zeit der Fotografi e versammelt der einer Welt, in der noch nicht so viele
Bildband „Venedig – Florenz – Nea- Menschen leben wie in unserer, und
pel.“: Im Zentrum stehen Bilder, die in der es noch kaum Touristen gibt.
ein unbekannter deutscher Reisen- Heute können wir Italien selbst angu-
der im Jahr 1877 auf einer Italien- cken. Doch nie wieder werden wir
Information
reise gemacht hat. Ergänzt werden den Markusplatz auf die Weise men-
Felix Thürlemann (Hg.):
sie mit Aufnahmen lokaler Fotostu- schenleer sehen, wie ihn diese Fotos
„Venedig – Florenz – Italien:
dios der Zeit, die ihre Städte und de- zeigen. Erinnerung an eine Welt, der
Ein fotografi sches Reisealbum 1877.“,
mit einem Essay von Bernd Stiegler. ren Sehenswürdigkeiten dokumen- noch nicht die Seele herausfotogra-
Weissbooks, 180 Seiten, 34 Euro tierten. fi ert wurde.
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AUF DER LESEGALEERE
Ein ganzer Sommer und keine leere“. In Briefen an Freunde und
Pläne. In dieser Situation fand sich Kollegen berichtet er von seinen
der Schriftsteller Matthias Zschokke Lektüreeindrücken. „Sehr, sehr viele
vor einem Jahr. Weil der gebürtige Wörter“, konstatiert er schon nach
Schweizer einerseits ein Feingeist wenigen Seiten. „Mir würden weni-
ist, andererseits aber auch gerne ger oft besser gefallen.“ Doch er
klagt, nahm er sich ein Monsterpro- bleibt sportlich bemüht, der veräs-
jekt vor: Er wollte Marcel Prousts telten, detailreichen Handlung zu
Klassiker „Auf der Suche nach der folgen, die vom Aufstieg eines Ehr-
verlorenen Zeit“ lesen, weil das ir- geizigen in die französischen Ober-
gendwie zur Bildung eines Roman- klasse erzählt. „Ein entsetzliches
schriftstellers gehört, der er ja selbst Buch mit herrlichen Passagen“, lau-
Information
auch ist. Fünftausend Seiten in tet sein Fazit. Für ein „Ein Sommer
Matthias Zschokke:
dreizehn Bänden ackerte er durch. mit Proust“ gilt davon nur der zweite
„Ein Sommer mit Proust“,
In „Ein Sommer mit Proust“ beglei- Teil. Wallstein, 64 Seiten, 12,90 Euro.
tet man Zschokke auf die „Lesega-
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