Page 26 - Berlin vis-à-vis - Nr. 75 - Sommer2018
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nitoring aufgebaut werden. Wir ken- So können also diese
nen oft nur die pauschalen Über- neuen Touristen auch
nachtungszahlen, aber nicht wirklich mehr stören in den klassi-
das Verhalten der Menschen. schen Wohngebieten. Wie
kann man gegensteuern?
Es klingt erst einmal seltsam, dass wir
alle letztlich Touristen sein sollen. Genau, das ist die Proble-
matik, denn dadurch wird
Wissenschaftler haben herausgefun- die Infrastruktur der
den, dass Stadtbewohnerinnen und Wohngebiete verändert.
-bewohner zunehmend das gleiche Seit zehn, fünfzehn Jah-
Freizeitverhalten praktizieren wie Be- ren beobachten wir die-
sucher, die nur temporär in der Stadt sen Prozess. Plattformen
sind. Die Soziologen sprechen vom wie Airbnb und Instagram Foto: Ilse Helbrecht: Wista GmbH 2018
sogenannten tourist gaze, wonach wir puschen das natürlich.
also mit einem bestimmten Touris- So kann man ganz nah
tenblick zunehmend auch unser Zu- rankommen an die All-
hause betrachten. Wir wollen in unse- tagsorte der Berlinerin- Ilse Helbrecht ist Professorin für Kultur- und
rer Stadt möglichst viel von dem ha- nen und Berliner. Wichtig Sozialgeografi e an der Humboldt-Universität
ben, was wir im Urlaub gerne auch ist, dieses Problem zu er- und Direktorin des Georg-Simmel-Zentrums
für Metropolenforschung
tun: Strandbars besuchen, fl anieren kennen und zu beschrei-
etc. ben. In den letzten Jah-
ren haben einige Bezirke
Welche Orte sind besonders gefragt? schon Alarm geschlagen,
26 vor allem Friedrichshain-
Nehmen Sie den Bezirk Köpenick mit Kreuzberg, aber auch
seiner wunderbaren Wasserland- Mitte und Prenzlauer
schaft, da hat sich in den letzten Jah- Berg. Sie wurden jedoch
ren im Wassertourismus so viel ge- zunächst allein gelassen
tan, von Solarbooten, Flößen, Haus- mit den Problemen vom Senat, der meist nur als Wirtschaftsförderung
booten etc. An dieser Zunahme sich nicht zuständig fühlte: nehmen gesehen. Wir meinen, der Tourismus
haben die Einwohner einen sehr gro- Sie den Mauerpark und die Müllprob- ist essenzieller Teil der gesamten
ßen Anteil. Oder in Wilmersdorf der lematik nach dem Wochenende. Mitt- Stadtentwicklung. Also muss die Leit-
Preußenpark, der am Wochenende lerweile hat sich etwas geändert. Das linie sein, dass alles, was das Erleben
zur Thaiwiese wird. Da gehen eben Land Berlin hat anerkannt, dass das der Touristen verbessert, auch das Le-
auch sehr viele Berliner hin, um sich kein rein lokales Problem ist. Und ben der Berlinerinnen und Berliner
ein wenig wie in Thailand zu fühlen diese Wende in der Tourismuspolitik verbessern muss – das ist ein hoher
und das leckere Essen zu probieren. hat unser Tourismuskonzept erarbeitet Anspruch. Wir brauchen kiezspezifi -
Das ist eine touristische Praxis. Oder und formuliert. Da ist zum Beispiel sche Antworten. Bezirke und Land
die Admiralbrücke in Kreuzberg. Erst die Stadtreinigung aktuell ja auch müssen am Ende ein gemeinsames
werden viele Dinge und Orte quasi als schon fl exibler geworden. Orchester bilden.
Geheimtipps von den Stadtbewoh-
nern entdeckt, und dann irgendwann Welche konkreten Maßnahmen sind Wie kann das konkret aussehen?
landen Sie im „Lonely Planet“ und geplant?
die Touristen kommen. Wir haben Das betrifft zum Beispiel den Aufbau
also diese Gegenbewegung. Die Ein- Wir brauchen unbedingt eine räumlich eines Informations-Leitsystems; In-
heimischen verhalten sich wie Touris- differenzierte Steuerung, jeder Stadt- fostelen für Besucher. So könnte man
ten und die zugereisten Touristen bezirk sollte also einen Tourismusbe- viel mehr Routen entwickeln und den
wollen etwas vom speziellen Berliner auftragten haben. Das gibt es bislang Leuten an die Hand geben. Das müs-
Lebensgefühl und Alltag mitbekom- noch viel zu wenig. Tourismusförde- sen keine analogen Stelen sein, son-
men. rung wurde in der alten Denkweise dern digitale Stelen mit WLAN. Ein
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