Page 29 - Berlin vis-à-vis - Nr. 75 - Sommer2018
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ZEITSPRÜNGE AM


                           WEISSEN SEE

















                  Es gibt vieles, was man als Bewohner anderer Bezirke über Weißen-
                  see nicht weiß: Weißensee hat Charakter. Weißensee hat eine Ver-
                  gangenheit als Filmstadt. Weißensee ist grün und großzügig. Mit
                  seinen vielen verschiedenen Baustilen, die anderswo schon glattres-
                  tauriert oder wegsaniert wurden, erzählt es nicht nur charmant vom
                  einstigen Wachstum Berlins, sondern ermöglicht noch ein paar rich-
                  tige Zeitsprünge in vergangene Epochen. Weißensee ist vielleicht
                  ruhiger als andere Bezirke – doch es ist niemals langweilig.

                  Wir beginnen unseren Spaziergang am Caligariplatz, der früher                                        29
                  „Weißenseer Spitze“ hieß und an den Pankow und Prenzlauer Berg
                  angrenzen. Der heutige Name, den die dreieckige Fläche 2002 er-
                  hielt, spielt auf die großen Filmstudios an, die es in Weißensee bis
                  Ende der Zwanzigerjahre gab. Unter anderem „Das Kabinett des Dr.
                  Caligari“ wurde in Weißensee gedreht. Wenige Meter vom Kultur-
                  zentrum „Brotfabrik“ entfernt, steht hinter einer unauffälligen Fas-
                  sade an der Gustav-Adolf-Straße noch ein Zeuge der großen Zeit:
                  das Stummfi lmkino „Delphi“ von 1929. Dreißig Jahre wurde es ge-
                  nutzt, dann zu DDR-Zeiten als Lager verwendet – und nicht mehr
                  weiter beachtet. Darum sind Kinosaal und Foyer bis heute fast ori-
                  ginalgetreu erhalten. Inzwischen wird es wieder häufi ger als Veran-
                  staltungsort für Konzerte und Filmvorführungen benutzt. Wer die
                  Fernsehserie „Babylon Berlin“ gesehen hat, ist dem Delphi als
                  „Moka Efti“-Bar begegnet.

                  Wir gehen weiter in der Zeit zurück und biegen in die Lehderstraße.
                  Wie die Roelcke-, Gustav-Adolf und die Friesickestraße ist sie nach
                  einem der Pioniere benannt, die als Erste auf Weißensee als Wirt-
                  schaftsstandort setzten und damit die Entwicklung zum Stadtteil
                  ermöglichten. Friedrich Lehder war Pfl astersteinfabrikant und pfl as-
                  terte die ersten Straßen des einstigen Dorfes. Zur vorletzten Jahr-
                  hundertwende war Weißensee eine Art Überlaufbecken für die ex-
                  pandierende Stadt Berlin. Vom Alexanderplatz gab es seit 1873
                  eine Pferdebuslinie und zwei Jahre später wurde Weißensee an die
                  neu gebaute Ringbahn angeschlossen. Auch der Friedrichshainer
                  Goldleistenfabrikant Carl Ruthenberg wurde aus der damaligen In-
                  nenstadt verdrängt und begann hier 1898 ein engmaschiges










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