Page 30 - Berlin vis-à-vis - Nr. 75 - Sommer2018
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                  System aus Gewerbehöfen zu bauen,   ganz der reinen Funktion strahlen die   lage mit Vogelgezwitscher und einer
                  die alle nach demselben Grundriss u-  zusammenhängenden Fassaden ent-  kleinteiligen Harmonie aus weiß umran-
                  förmig angelegt waren und hinter ihren   lang des gesamten Sträßchens aus.   deten Fenstern und rhythmisch ange-
                  Backsteinmauern Werkstätten, Lager-,   1929 wurde die Siedlung für die Rudolf   legten Balkonen. Das Ensemble wurde
                  Büro- und Wohnraum auf damals sehr   Karstadt AG errichtet und ist bis heute   Mitte der 1920er Jahre als „Holländer-
                  moderne Weise vereinten. Niedrige   äußerlich fast unverändert erhalten.  Quartier“ im Reformstil gebaut und ist
                  kleine Häuschen mit grünen Dächern –                               bis heute äußerlich unverändert. Zur
                  die einstigen Wohnhäuser der Hofwarte   An der Behaimstraße biegen wir nach   Ecke Amalienstraße verlassen wir es
                  – begrenzen die Industriehöfe zur   links in Richtung Mirbachplatz: ein wei-  wieder und entscheiden, ob wir über
                  Straße hin und haben diesem Teil von   teres verborgenes Schmuckstück mit   die Parkstraße weitergehen wollen, oder
                  Weißensee so etwas Dörfl iches  gelas-  Cafés und Restaurants an dem von   über die Schönstraße, die ihren Namen
                  sen. Vor fünfzehn Jahren übernahm Ru-  sternförmig zulaufenden kleinen Stra-  ganz von allein verdienen würde, ihn
                  thenbergs Urenkel und begann die in-  ßen geformten Platz. In der Mitte steht   aber dem Hamburger Kaufmann und
                  zwischen denkmalgeschützten Werk-  auf einer zugewucherten Verkehrsinsel   Parlamentarier Gustav Adolf Schön ver-
                  stätten  zum   Selbstausbau  an   ein schroffer, eckiger Turm – das, was   dankt, der als eigentlicher Gründervater
                  Kleingewerbe und Kunsthandwerker zu   von der 1902 erbauten und im Zweiten   des Bezirks anzusehen ist, weil er 1872
                  vermieten. Und zwar zu so moderaten   Weltkrieg zerstörten Bethanienkirche   das ehemalige Rittergut Weißensee er-
                  Mieten, dass inzwischen auch zahlrei-  übrig geblieben ist. Über die Pistorius-  warb und den nachfolgenden Investo-
                  che Künstlerateliers die Lehderstraße   straße schlendern wir ein Stück nach   ren nach und nach verkaufte.
                  beleben. Üppige, alte Bäume überda-  Südosten zur Woelckpromenade. Hier
                  chen fast die ganze Straße und lassen   wollten die frühen Väter des Bezirks ab   Über die Große Seestraße steuern wir
                  die historischen Klinkermauern heute   1905 eine gehobene Wohngegend er-  in Richtung Parkanlage und auf den
                  geradezu idyllisch wirken.        bauen – mit dem Ziel, durch die An-  namensgebenden Weißen See zu. Vie-
                                                    siedlung wohlhabender Bürger für Wei-  les haben wir ausgelassen: die Über-
           30     Kurz bevor die Lehderstraße in die Ver-  ßensee das Stadtrecht zu erlangen.   reste der Filmstudios, die sich im

                  kehrsschneise der Berliner Allee mün-  Stattliche Wohnhäuser in rotem Klinker   heute eher gesichtslosen Industrie-
                  det und dort der Trubel des Antonplat-  ergänzen sich mit dem Grün imposan-  und Stadtrandgebiet nördlich der
                  zes einsetzt, biegen wir in die Börne-  ter Bäume und dem blauen Wasser der   Rennbahnstraße verstecken. Das Toni-
                  straße und gehen ein Stück in die   beiden Teiche Kreuzpfuhl und Gold-  Kino am Antonplatz, das einst von sie-
                  entgegengesetzte Richtung an der Tram   fi schteich. Imposant wie ein Schloss   ben weiteren Kinos am Platz umgeben
                  entlang durch die Langhansstraße. Am   auf fast freier Fläche steht hier auch   war. Das schon stark nach Prenzlauer
                  Haus mit der auffälligen, der Trambahn   das heutige Primo-Levi-Gymnasium,   Berg ausgerichtete, neobürgerliche
                  gewidmeten, Bemalung biegen wir in   zusammengelegt aus Schulgebäuden   „Komponistenviertel“ im Süden des
                  die Goethestraße und lernen in der   der ersten beiden Bauphasen des Be-  Bezirks. Doch wenn wir jetzt schon
                  nächsten Querstraße ein ganz anderes   zirks. Hier wirkt Weißensee gleichzeitig   mal im Grünen sind, spazieren wir um
                  Stück von Weißensee kennen. An der   märkisch weitläufi g und städtisch ele-  den See. Im alteingesessenen „Milch-
                  Charlottenburger Straße kann man ab-  gant. Zum eigenen Stadtrecht hat es   häuschen“ an der Ostseite lebt noch
                  lesen, wie der Bezirk sich weiterentwi-  trotzdem nicht gereicht. 1920 wurde   ein wenig vom HO-Gaststättengeist
                  ckelt hat. Klassizistische Mietskaser-  die Dorfgemeinde in die Stadt Berlin   der DDR, im „Strandbad“ an der ge-
                  nen aus der Kaiserzeit reihen sich an   eingegliedert.             genüberliegenden Seeseite herrscht
                  Reste von Werkstattbauten und dazwi-                               eher die tätowierte Coolness der neue-
                  schen steht das mit seiner expressio-  Wir gehen weiter an der Schönstraße   ren Jahrzehnte. Über den Sandstrand
                  nistischen Fassade zum Himmel stre-  und tun etwas, was man auch als zu-  gelangen wir bis ganz zum Wasser,
                  bende Gebäude, in dem die Allgemeine   rückhaltende Flaneure nur ausnahms-  und wenn wir die Zeit gut geplant ha-
                  Ortskrankenkasse AOK ab 1929 eine   weise darf: Wir lassen uns von der roten   ben, beginnt genau jetzt die Sonne
                  öffentliche  Badeanstalt  unterhielt.  Backsteinfassade, deren strenge Glatt-  rötlich über den bewaldeten Seeufern
                  Dann tut sich rechts plötzlich eine Zeit-  heit den ganzen Straßenzug dominiert,   unterzugehen. Draußen rauscht die
                  schleuse auf: Der stille, rot geklinkerte   nicht abschrecken, sondern schleichen   Stadt. Doch hier ist Weißensee und
                  Ettersburger Weg führt direkt hinein in   uns durch eines der Tore in das Innere   wir bleiben, bis es dunkel wird.
                  die Neue Sachlichkeit der Zwanziger-  des geschlossenen Gevierts. Hier liegt
                  jahre. Schnörkellosigkeit und die Ele-  eine wunderschöne, begrünte Hofan-            Susann Sitzler











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