Page 101 - Berlin vis-à-vis - Nr. 71 - Sommer 2017
P. 101
dere Missstände, die die nationale Bundestrainerin. Bestätigt wird sie wig. Schließlich sind Übungsleiter im
Spitze im Wettbewerb mit der Konkur- durch Stefan Jensen vom KSV Neptun Sport die besten Sozialarbeiter. Der
renz immer weiter zurückfallen las- Berlin von 1889 e.V. „Die Verbands- Sport holt Kinder von der Straße. Den
sen. führung besticht seit Jahren weder Verweis auf die vielen Ehrenamtlichen
Am Beckenrand in Berlins größter durch fachliche Neuausrichtung, noch wischt Beate Ludewig vom Tisch.
Schwimmhalle an der Landsberger Al- besitzt sie durchsetzungsstarke Ma- „Das ist alles Quatsch. Wir reden über
lee erlebt die Trainerin tagtäglich, wie cher. Der Verband sollte verstanden Leistungssport. Da hat das Ehrenamt
es mit dem Schwimmsport abwärts haben, dass es fünf nach zwölf ist. nichts zu suchen, da müssen professi-
geht. Sie kämpft um Trainerstellen, Und wenn nicht, dann gilt das fol- onelle Trainer arbeiten“, sagt sie.
gerechtere Bezahlung der Übungslei- gende Sprichwort umso mehr: Wer Ideen gibt es genug. Eine davon ist
ter und vor allem um Bedingungen, nicht mit der Zeit geht, der geht mit die Förderung durch die Wirtschaft.
die den Leistungssport nicht karikie- der Zeit!“ Nach seiner Aussage ist die Warum geben renommierte und ange-
ren. „Wir haben in Berlin 70 Vereine, Führungsriege, vertreten durch den sehene Unternehmen Unsummen aus
in denen geschwommen wird. Aber es Berliner Verbandspräsident Axel für Fußballklubs, die sie an ihre ange-
gibt nur 27 Schwimmhallen. Schon al- Bender und Geschäftsführer Manuel stellten Profi s als teilweise utopische
lein das ist bei einer Stadt von fast Kopitz zum wiederholten Male gar Gehälter weiterreichen? Auch das öf-
vier Millionen Einwohnern und einem nicht erst bei den Deutschen Jahr- fentlich-rechtliche Fernsehen könnte
gewaltigen Ballungsraum nahezu ohne gangsmeisterschaften erschienen. einspringen, statt die Hälfte seiner gi- 101
eigene Schwimmhallen eine extreme Die Förderung begabter Jugendlicher gantischen Werbeeinnahmen für
Unterversorgung. Nur wer bei der Ver- in Richtung Leistungssport fi ndet in Zweit-Übertragungsrechte der Fuß-
gabe der Hallenzeiten am lautesten vielen Berliner Schwimmvereinen gar ball-Bundesliga auszugeben. Die ARD
ruft, der schwimmt zuerst.“ Kosten- nicht erst statt. „Die meisten wollen zahlt 134 Millionen Euro für ihre Erst-
lose Hallenzeiten in der Hauptstadt nur planschen“, sagt Stefan Jensen ausstrahlungsrechte im öffentlichen
werden von den Bäderbetrieben über und nennt auch Zahlen. „Von den 70 Rundfunk für die Saison 2017/2018,
die regionalen Beiräte vergeben. Vereinen zeigen nur gut 15 mehr oder was einer Steigerung von 34 Millionen
„Das war schon immer so“, lautet das weniger Interesse an einer zielgerich- gegenüber der abgelaufenen Saison
Totschlag-Argument. „Wir wollen aber teten Arbeit. Eine sinnvoll nach Alter bedeutet. Zusätzlich zahlt das ZDF
nicht nur meckern“, sagt Beate Lude- und Leistungsvermögen strukturierte nochmals 45 Millionen für die kom-
wig und präsentiert mit ihrem Trainer Ausbildung wird lediglich von sechs mende Saison. „Wenn ich irgendwann
Martin Dautz Vorschläge. „Am besten Vereinen umgesetzt.“ Das Ergebnis nur noch Fußball in den Medien fi nde,
wäre es, wenn der Berliner Schwimm- dieses zum Badebetrieb verkom- dann müssen wir uns nicht mehr wun-
verband die Hoheit über die Vergabe menden Vereinswesens ist die brö- dern, dass unser Sportwesen zu einer
der Hallenzeiten bekommen würde. ckelnde Spitze der Pyramide, die den Monokultur verkommt“, bedauert Ste-
Dann brauchten sich die Kaderath- Leistungssport darstellen soll. Vor 25 fan Jensen.
leten die Bahnen nicht mehr mit Frei- Jahren wurden 80 Schwimmer an den Was ist mit dem Berliner Senat, der
zeitschwimmern zu teilen.“ Aber nach Sportschulen eingeschult. Mit dem die Kultur in der Stadt mit einem Viel-
Meinung der Verantwortlichen, die bei Jahrgang 2004 wurde letztmalig zum fachen dessen fördert, was er dem
einem erneuten Versagen der Schwim- Schuljahr 2014/2015 eine volle Sport, vor allem im Jugendbereich,
mer bei den nächsten Olympischen Klasse mit mehr als 20 Schwimm- zugutekommen lässt? Martin Dautz
Spielen in Tokio den Kopf hinhalten talenten aufgenommen. Von den arbeitete mit einem Kollegen ein de-
müssen, hat der hauptstädtische Ver- 2006 geborenen sind es gerade mal zentrales Ausbildungskonzept aus,
band kein Interesse an dieser Vari- 13 Kinder in der Sportklasse. das längst hätte an den Start gehen
ante. „Da müssten die Strukturen ge- „Ich verstehe nicht, warum uns nicht müssen. Darin sind Trainingsinhalte
ändert werden, schließlich muss man mehr Unterstützung entgegenge- festgelegt wie der rechtzeitige Wech-
dann konzeptionell denken“, sagt die bracht wird“, fragt sich Beate Lude- sel von Talenten in die Leis-
02.08.17 16:09
VIS71_BG7a.indb 101 02.08.17 16:09
VIS71_BG7a.indb 101

