Page 96 - Berlin vis-à-vis - Nr. 71 - Sommer 2017
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| WOHNEN







                  kritiker Adolf Loos (1870–1933) dem   gramm „Die wachsende Wohnung“   Midcentury und begehbarer Schrank,
                  kunstgewerblich Gemachten nichts   die generationsprägende S602. Mit   modul und solitär
                  mehr abgewinnen konnte und sich für   diesem Code wurden helle, eschefur-  Ebenso wie in Tschechien hergestellte
                  einen neuen Geist, das Material als   nierte Möbel, Schreibtische, Schränke   Midcentury-Möbel, z. B. von der Firma
                  Ausdrucksträger, einsetzte. Die feine   und Flachteile auf konischen Stelz-  Jitona, feiert die S602 ein Comeback,
                  manufakturelle Schreinerkunst kon-  beinen bezeichnet, die in Kleinserien   gemeinsam mit den als Trendsetter
                  nte keinen Massenbedarf bedienen   gefertigt wurden. Mit den „kombinier-  geltenden Skandinaviern. Einstige
                  weder mengen- noch kostenmäßig.   baren Einzelmöbeln“ sollten die   Serienmöbel werden heute als solitäre
                  Industriell gefertigte Möbel für die   Wohnzimmer zu lichten freundlichen   Vintage-Hingucker inszeniert, derweil
                  Werktätigen, die obendrein ästhetisch   und zweckdienlichen Räumen werden   der größere Bedarf an Stauraum mög-
                  erzieherisch wirken sollten, standen   für Menschen, die eine neue Gemüt-  lichst mit einem begehbaren Schrank
                  auf der Tagesordnung. Die Werkstät-  lichkeit und (geistige) Arbeit, Kinder   oder Wandschränken samt Gleittüren,
                  ten Hellerau gelten als die Vordenker   und Beruf verbinden wollten und   optisch unsichtbar gemacht wird. Für
                  von Ikeas designten Selbstmontage-  mussten.                       das Verschwinden des Schrankes ist
                  möbeln und entwickelten mit dem
                  Münchner Architekten Richard Rie-
                  merschmid ab 1903 aus der Logik in-
                  dustrieller Technologie „Maschinen-
                  möbel“. Die Firma Hellerau kreierte
                  Themen wie „Die billige Wohnung“
                  (ab 1926) und ließ Schränke aus
                  Pressspanplatten entwickeln. Der
                  Trend ging in Richtung standardisier-
                  ter vorgefertigter Teile und leichter
           96     Montage. Mit dem Bauhaus wurde

                  das ganze Raumprogramm neu ge-
                  dacht: fl ießende Grundrisse und die
                  dazu geeigneten Möblierungen. Mies
                  van der Rohe oder Walter Gropius
                  zeigten den Weg auf: weg von der Gar-
                  nitur samt Anrichte, Bücherschrank
                  usw. hin zum Modul, zur freien, fl e-
                  xibleren Kombination, vom Möbel,
                  das Raum beansprucht zum Stau-                                                                   Fotos: © Ikon s.r.l.
                  raum, der als Bestandteil der Archi-
                  tektur gedacht ist. Ungeachtet dessen
                  schufen auch Bauhäusler kastenför-
                  mige Einzelschränke, welche die Idee
                  des funktionalen Kubus mal in Holz-
                  optik, mal mit Farblackierungen, zu-
                  meist auf Metallkufen, sinnfällig
                  machten. Für die Weissenhofsiedlung
                  entwarfen Le Corbusier und Pierre
                  Jeanneret 1927 sehr rationale Möbel                                            Mit dem Schrank „Blend“
                                                                                                 hat der Designer Karim
                  aus Beton, aus denen der Benutzer
                                                                                                 Raschid ein Korpusmö-
                  auch sein Bett herausklappen und
                                                                                                 bel geschaffen, das eine
                  später wieder verschwinden lassen                                              optisch schwingende
                  konnte. Und noch einmal die Heller-                                            Wand suggerieren soll
                  auer. In den Endfünfzigern entwi-
                  ckelte der einstige Bauhausschüler
                  Franz Ehrlich für das Themenpro-











                                                                                                                    03.08.17   11:31
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