Page 94 - Berlin vis-à-vis - Nr. 71 - Sommer 2017
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| WOHNEN







                                                    ten haben sich mit DER WOLKE, will   neinstopfen herausgefordert und ge-
                                                    man den Trendprognosen mehr als ei-  nossen die Erleichterung, wenn aus-
                                                    ner beharrlich parallelen Alltagspraxis   gemistet wurde. Diese Schränke ha-
                                                    glauben, auch überlebt.          ben in ihrer eigenen stillen Art den
                                                                                     Abschiedsschmerz von geliebten Din-
                                                    Das Erbgut                       gen verarbeitet und sich auf die je-
                                                    Schöne Schränke, die von Tischlern   weils anderen Generationen einge-
                                                    gefertigt wurden, aristokratische wie   stellt. Sie passen heute ob ihrer Di-
                                                    bäuerliche, die Jahrhunderte auf dem   mension in die wenigsten Wohnungen.
                                                    Buckel haben und die aufrecht und   Schränke können Geschichten erzäh-
                                                    mit leichtem Knarzen bis heute jed-  len. Schlafzimmerschränke waren
                                                    wedem Besitzer und Besucher ins Ge-  nicht selten das Versteck in der Not.
                                                    sicht schauen, wissen, was Leben be-  Das Hinterzimmer für den Liebhaber.
                                                    deutet und in welchem Wechsel    Barocke Dielenschränke oder Kabi-
                                                    Bürde und Freude zueinander stehen.   nettmöbel vermitteln bis heute eine
                                                    Sie erlebten, wie ihre eigene hölzerne   Schönheit aus Material und Hand-
                                                    Begrenzung durch ein maßloses Hi-  werk. Sie vermögen Ruhe zu geben.
                                                                                     Allerdings setzt das eine gewisse
                                                                                     Raumgröße und Konzentration auf
                                                                                     Wesentliches voraus. Es ist also die
                                                                                     Rede vom Erbgut der Möbelge-
                                                                                     schichte, die mit dem Biedermeier im
                                                                                     19. Jahrhundert und der Wertschät-
                                                                                     zung bürgerlicher Privatheit einen
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                                                                                     schränke, meist schmaler als ihre Vor-
                                                                                     fahren, waren schlicht, praktisch und
                                                                                     edel. Sie repräsentierten eine distin-
                                                                              Fotos:  DAHLER & COMPANY und WOHNKULTUR Behrens  Gründerzeit mit ihren verdrucksten
                                                                                     guierte Gesinnung und gelten als zeit-
                                                                                     los schön. Ganz im Gegensatz zur

                                                                                     Säulchen und Aufbauten.

                                                                                     Zeichen des Aufbruchs
                                                                                     In der bürgerlich urbanen Phase des
                                                                                     Art nouveau und Art déco erreichte
                                                                                     der Schrank erneut repräsentative
                                                                                     Funktion mit einer kühlen Eleganz in
                                                                                     exzellenter Verarbeitung für Woh-
                                                     Designerstück von Kelly Wearstler
                                                                                     nungen, die als Gesamtkunstwerk ver-
                                                     ebenfalls im Trendzimmer mit
                                                                                     feinerten Geschmack signalisierten.
                                                     „Crescent Cabinet“
                                                                                     Besonders schöne Exemplare kom-
               „Luxury by Nature“ – Zurück zur Natur                                 men von Henry van de Velde (1863–
               DAHLER & COMPANY und WOHNKULTUR Behrens                               1957) oder aus den Wiener Werkstät-
               zeigen im Trendzimmer 2017                                            ten mit Koloman Moser (1868–
               Julian Chichesters Schrank „Danish Cabinet“                           1918). Von dem gebürtigen Belgier
                                                                                     van de Velde, Mitbegründer des Deut-
                                                                                     schen Werkbundes, ist der Satz über-
                                                                                     liefert: „Ich will Kunst, will Form,
                                                                                     Harmonie, Linie. Staub ist mir ganz
                                                                                     egal.“ Wogegen der Ornament-











                                                                                                                    03.08.17   11:31
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