Page 22 - Berlin vis-à-vis - Heft 63 - Sommer 2015
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| STADT Gesundheit zu stärken. Im Konkreten Als Berliner möchte man sagen, es bedeutet dies: fantasievolle, öffent- lebe die Kiezkultur! Die Kleinteilig- liche Räume und weg von der autoori- keit der Areale generell oder die fan- entierten hin zur fußläufi gen Stadt tasievolle Gestaltung von „Übergangs- und zur „Cycle-City“, salopp gesagt zonen“ zwischen Außen- und Innen- hin zur Radlerstadt, wie man sie in raum, zwischen öffentlichen, Berlin-Mitte noch wildwüchsig und in halböffentlichen und privaten Be- Kopenhagen organisiert erleben kann reichen, ob innerhalb der City oder an oder an Fahrradsonntagen in New reihenhausbebauten Randlagen, ist York City oder Bogotá. einer der Schlüssel zum Wohlfühlen. „Das menschliche Maß“ bedeutet Hermetische Abgrenzung, Bereiche also, die psychischen und physischen also, wie man sie zum Beispiel ent- ebenso wie die soziokulturellen Be- lang riesiger Bürokomplexe erlebt, dingungen der Menschen zum wich- machen eine Stadt tot: „Wo interes- tigsten Planungskriterium im Städte- sante Übergänge fehlen und die Erd- bau zu machen. Dazu gehören Raum- geschosse abweisend und monoton vorstellungen und Gebäudehöhen sind, werden die Wege vom Gefühl oder schlichte Elemente wie Poller, her länger“ bzw. „Wenn der Komplex Spazierwege zwischen Wohnblocks. Planer aus Pfeiler, Säulen, Nischen, damit der auf Augenhöhe interessant ist, ist das den Sechzigern vernachlässigten den öffent- wartende, schauende oder stehende ganze Viertel interessant“. Man lichen Raum Bürger sich geborgen fühlen kann. braucht nur auf die Straße zu gehen, Der Mensch nimmt die Stadt unbe- um diesen Analysen auf dem Fuß zu wusst wahr, bevor er etwas Gezieltes in folgen. 22 ihr tut wie Arbeiten, Joggen oder Schau- fensterbummeln, weil er das entpre- Anita Wünschmann chende Umfeld als dafür geeignet be- fi ndet. Diese universellen Daseins- formen werden von Jan Gehl für die Information Um- und Neugestaltung urbaner Städte für Menschen Räume analysiert. Seine Vorschläge rei- Autor: Jan Gehl chen von Verkehrsplanungen wie Geh- deutsch, 304 Seiten und Radwegsplanung bzw. Misch- ISBN 978-3-86859-356-3 nutzungen und dem Ausbau radfreund- Die fahrradfreundliche Anbindung der lichen öffentlichen Verkehrs über anre- Außenbezirke gend gestaltete Erdgeschosse und Fas- saden bis zu Begrünung und Stadtmö- beln. Die Menschen müssen Lust haben, hinaus auf die Straße zu gehen, um diese zu beleben und der Stadt ein le- bendiges Dasein zu geben, das allen zugutekommt und nicht zuletzt da- durch auch das Sicherheitsgefühl stärkt. So etwa lautet einer der Ap- pelle des Visionärs an die Stadtver- antwortlichen, weil zunächst einmal gebaut oder rückgebaut und ange- pfl anzt werden muss, ehe es einla- dend ist, das Auto zu verlassen und zu laufen oder Rad zu fahren. VIS_ART_Jan_Gehl_v3.indd 22 24.07.15 13:55
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