Page 61 - Berlin vis-à-vis - Heft 63 - Sommer 2015
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Facetten des Lebens KRIEG DER BAUTEN Mit der Ausstellung „Radikal Modern“ erin- nert die Berlinische Galerie an die Bautätig- keit der 1960er-Jahre in Ost- und Westber- lin, die die Stadt bis heute prägt. Abreißen oder sanieren? Das ist die offenen Küchen, eine Art Wiederauf- Frage, die wohl immer beantwortet nahme der Moderne. Dagegen setzte werden muss, wenn Architekten, man im Osten die Vorgaben aus Mos- Denkmalpfl eger und Stadtplaner über kau mit der Stalinallee um: Neoklassi- das Schicksal eines Gebäudes ent- zismus statt 1920er-Jahre-Architektur. scheiden müssen. Wenn zu oft die Ab- Nach dem Mauerbau änderte sich rissbirne bevorzugt wird, werden die dann allerdings sowohl die politische Nachgeborenen nur noch „Bilder“ aus wie auch die stadtplanerische Situa- vergangenen Epochen in Museen und tion. Stadtzentren mussten geschaffen Ausstellungen zu sehen bekommen: werden und die Architektur wurde zum Ein „Zeugniswert der Substanz“ ist Instrument im Kalten Krieg. Im Wes- nicht mehr nachzuvollziehen. ten entstand mit dem Zentrum am Zoo Beim Rundgang durch die Ausstellung und dem Breitscheidplatz die neue „Radikal Modern – Planen und Bauen Westberliner Mitte, 1965 fl ankiert in Berlin der 1960er-Jahre“ drängt vom Europa-Center, der ersten Shop- sich aber nicht nur dieser Gedanke ping-Mall Deutschlands. Damit wurde auf. Die Gegenüberstellung der Archi- nicht nur die Moderne fortgeführt, zu- tektur-Highlights aus Ost und West je- gleich hatte man mit dem Europa-Cen- nes Jahrzehnts der Nachkriegsmo- ter eine für die Westberliner identitäts- Geht unter derne vermittelt den Eindruck, als stiftende Architekturikone geschaffen. gäbe es kaum Unterschiede: Hier die Gleichwohl stehen auch die Philhar- die Haut „Ostmoderne am Alex“, da die „West- monie von 1963, als Auftakt für das moderne am Zoo“, ähnlicher Baustil Kulturforum, die Neue Nationalgalerie ist unverkennbar. Dabei standen sich von 1968 und der neue Flughafen Te- Den Menschen die architektonischen Konzepte für gel für ein Bekenntnis zur internatio- gibt es in unzähligen Facetten. eine Stadterneuerung so diametral ge- nalen Moderne. Wir sind alle verschieden genüber wie die beiden Weltbilder. Im Osten war der „Zuckerbäckerstil“ und doch gleich. Ausgehend von der Bauausstellung der Stalinallee aus Kostengründen 1957 im Hansaviertel sollte die „Stadt nicht fortsetzbar, sodass auch dort www.MeMu.berlin von morgen“ im Westen aus modernen westlicher Baustil ins Blickfeld der Ar- Stadtvierteln bestehen, mit lockerer chitekten geriet. In schneller Folge Bauweise, Innenhöfen, Balkonen und entstanden exemplarische Bauten, wie Das weltweit erste Museum der KÖRPERWELTEN Direkt am Fernsehturm, Alexanderplatz VIS63_BG4.indb 61 24.07.15 13:01

