Page 32 - Berlin vis-à-vis - Nr. 76 - Herbst 2018
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                  Lichtenberger                                          heißt Don Xuan „blühende Wiese“. Welch Ironie in die-

                                                                         ser Gegend. Neben unzähligen kleinen Läden gibt es in
                                                                         den  weitläufigen  Hallen  Friseure,  Restaurants  und
                  Mischung                                               kleine Werkstätten. In Lichtenberg weht ein anderer
                                                                         Wind als in den schicken Asia-Restaurants der Innen-
                                                                         stadt. Früher war die Gegend eines der schmutzigsten
                                                                         Gebiete Ost-Berlins. Der Industriebetrieb VEB Elektro-
                  Das Sammlerpaar Axel und Barbara Haubrok               kohle produzierte in der Herzbergstraße Graphitpro-
                  ist ein Glücksfall für Lichtenberg. Eigentlich.        dukte. Bevor neues Gewerbe einziehen konnte, musste
                                                                         der belastete Boden saniert werden. Mittlerweile ha-
                  Aber der Bezirk stellt sich gegen den Kunstort.        ben    Kreative  die  Gegend  entdeckt,  es  gibt  in  der
                                                                         Nachbarschaft zwei Künstlerhäuser und das Gelände
                                                                         der sogenannten Fahrbereitschaft, das dem Kunst-
                                                                         sammler Axel Haubrok gehört. Auf Kunst deutet in der
                                                                         Lichtenberger Herzbergstraße äußerlich nichts hin.
                                                                         Handwerker und Kulturschaffende arbeiten auf dem
                                                                         Gelände Tür an Tür. Gerade wird ein Film gedreht, au-
                                                                         genscheinlich etwas mit Soldaten und Islamisten. Zwei
                                                                         „Kämpfer“ checken in der Drehpause ihre Mails. Le-
                                                                         bendige Berliner Mischung. Das 19 000 Quadratmeter
                                                                         große Gewerbegelände diente zu DDR-Zeiten als Groß-
                                                                         garage des Ministerrats und diversen geheimen Ge-
                                                                         schäften. Seit April 2013 hat die private Kunstsamm-
                                                                         lung und Stiftung Haubrok ihr Domizil in der Fahrbe-
           32                                                            reitschaft. Axel und Barbara Haubrok schätzen das
                                                                         Areal vor allem wegen dieser bestimmten rauen Aus-
                                                                         strahlung, die es noch hat und die anderen Teilen Ber-
                                                                         lins mittlerweile fehlt. Ihren ersten Standort am Straus-
                                                                         berger Platz haben sie dafür aufgegeben. „Wir wollten
                                                                         die Gewerbetreibenden auf dem Gelände halten, denn
                                                                         die Mischung ist uns wichtig“, so Axel Haubrok. Neben
                                                                         Autowerkstätten gibt es  einen Rahmenbauer, den Ar-
                                                                         beiter-Samariter-Bund, Künstlerateliers, einen Verlag,
                                                                         ein Modelabel,  ein Architekturbüro. Die günstigen
                                                                         Preise sind ein Argument und die produktive Nachbar-
                                                                         schaft. Am Eingang hängt der Lageplan mit der langen
                                                                         Liste der Mieter. 155 Leute arbeiten auf dem Gelände.
                                                                         Werktätige im Wortsinn sind sie alle.
                                                                   Foto: Severin Wohlleben  Regelmäßig stellten die Haubroks in ihren Räumen


                                                                         Kunst der eigenen Sammlung aus, viel Konzeptkunst,
                  Kunstsammler Axel und Barbara Haubrok                  Fotos und Minimalart. Auf Anmeldung standen die
                                                                         Räume immer samstags dem Publikum offen. Bei
                                                                         freiem Eintritt. Niemand störte sich daran, die Gewer-
                  Berlin-Mitte ist gefühlt Lichtjahre entfernt. Kaum jemand    betreibenden waren zu dieser Zeit sowieso nicht auf
                  läuft zum Vergnügen durch diesen Teil der Lichtenberger   dem Hof. Im Frühjahr dann stellte Axel Haubrok einen
                  Herzbergstraße, alle haben ein Ziel, gehen ihren Geschäften   Bauantrag für eine Kunsthalle auf seinem Grundstück.
                  nach. Die wenigen Wohnhäuser sind in ruinösem Zustand. Die   „Wir hatten eine Vision, wollten auch andere Künste wie
                  Fensterscheiben  eingeschlagen.  Schräg  gegenüber  das  Don   Musik und darstellende Künste mit einbeziehen“, so der
                  Xuan Center, eine Art riesiger vietnamesischer Großmarkt, be-  Kunstsammler. Sein Begehr wurde umgehend abge-
                  nannt nach einer ähnlichen Einrichtung in Hanoi. Übersetzt   lehnt, und wenig später kam der noch größere Schuss











         VIS76 BG2.indb   32                                                                                        02.11.18   15:15
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