Page 34 - Berlin vis-à-vis - Nr. 76 - Herbst 2018
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| BERLINER PLÄTZE
Was wäre eine Stadt ohne ihre Plätze. Manche sind groß, man-
che klein. Manche berühmt, manche unbekannt. Sie sind quir-
lige Touristenattraktionen oder lauschige Rückzugsorte für
die Stadtbewohner. Plätze in der Stadt haben ihre Geschichte
und kleinen Geheimnisse, die es zu ergründen lohnt.
antwortet: „Meiner ist Bio-Lehrer.“ OL
ist weggezogen vom Kollwitzplatz, es
war nicht mehr seine Gegend.
Käthe Kollwitz thront seit 1961 wie
eine Urmutter in der Mitte des Platzes,
der seit 1949 ihren Namen trägt. Der
Bildhauer Gustav Seitz hat die Plastik
nach der Vorlage eines Selbstporträts
der Malerin entworfen, die zwischen
1891 und 1943 mit ihrem Mann,
einem Arzt, der sich für die Armen der
Foto: fotolia.de/ Friedberg der wenigen am Platz zerstört.
Gegend engagierte, hier lebte. Ihr
34 Wohnhaus wurde im Krieg als eines
Bevölkerungsaustausch in mehreren Wellen Das Gelände rund um den Platz wurde
in der Gründerzeit bis 1875 als Wohn-
gebiet erschlossen. Kurz nach dem
Diesmal: Deutsch-Französischen-Krieg erhielt
er in Erinnerung an eine gewonnene
ZUCKERFREI AM Schlacht den Namen Wörther Platz.
Biokost gab’s damals auch schon,
KOLLWITZPLATZ auch wenn sie nicht so hieß, nur Spie-
len war auf dem Platz nicht erlaubt.
1949 wurde der Kollwitzplatz nach
Von Thomas Leinkauf Entwürfen des Gartenarchitekten
Reinhold Lingner umgestaltet.
Auf dem Sockel des Käthe-Kollwitz- etwas wie der Chronist des Platzes,
Denkmals in Prenzlauer Berg sitzen aber auf Kinderraub ist selbst er noch Rundherum gab es in den zurücklie-
zwei Jungs und tauschen Pokemon- nicht gekommen. „Wenn dir ein frem- genden Jahrzehnten einen Bevölke-
Bilder. Ein älterer Mann kommt dazu, der Mann Bonbons anbietet“, ließ er al- rungsaustausch in mehreren Wellen.
er scheint sich für die Geschäfte der lerdings mal eine Mutter ihr Kind war- In den Achtzigerjahren zogen Familien
beiden zu interessieren und spricht nen, „fragst du, ob sie zuckerfrei sind.“ aus den maroden Altbauhäusern mit
sie an. Der eine der Jungs erschrickt Ansonsten geht’s in den Sittengemäl- Kohleöfen und Klos auf halber Treppe
heftig, sagt zitternd, er habe ständig den von OL, der einige Jahre nicht weit weg in moderne Neubauwohnungen,
Angst, entführt zu werden. weg vom Platz wohnte, um grauhaarige die in Marzahn und Hellersdorf ent-
Mütter und Väter, die den Platz bevöl- standen. Künstler und Lebenskünstler
Der Zeichner OL hält seit 13 Jahren das kern, um Windeln, Kinderwagen, Bio- blieben oder kamen, Literaten und
Geschehen hier in seinem Cartoon „Die kost. „Mein Vater ist Lehrer“, lässt er Musiker, und bestimmten die Szene.
Mütter vom Kollwitzplatz“ fest. Er ist so einen Jungen sagen. Und der andere Kurz vor der Wende wurden noch ein
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