Page 35 - Berlin vis-à-vis - Nr. 76 - Herbst 2018
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paar Straßenzüge saniert. Am 3. Oktober 1990 riefen Einheits-
kritiker um Mitternacht am Kollwitzplatz die „Autonome Repu-
blik Utopia“ aus. Sie überlebte den Morgen nicht.
Nach der Wende entdeckten Kreative die Gegend, darunter viele
Süddeutsche und jede Menge Schwaben, angezogen vom Flair
rund um den Platz und den damals noch niedrigen Mieten. Ein
Jahrzehnt später wurden die von besser betuchten Landsleuten
verdrängt, die Wohnungen und ganze Häuser kauften und luxus-
sanierten. Das Restaurant „Gugelhupf“ machte auf, in dem Bill
Clinton beim Berlin-Besuch speiste. Treffs der Ost-Boheme wie
das „Lampion“ mussten schließen. Das Areal rund um den Koll-
witzplatz wurde zu einem der teuersten Wohnquartiere der Stadt;
zwei kleinere Zimmer kosten schon mal eine Viertelmillion oder
tausend Euro Miete. Tendenz steigend. Im vorigen Jahr schloss
das „1900“, zu DDR-Zeiten das beste Restaurant am Platz. Die
Leute wohnen hier gerne, aber gehen lieber nach Kreuzberg oder
Mitte ins Restaurant. Abends ist es ziemlich duster. Vor ein paar
Monaten brannten eines Nachts 14 Autos.
Als der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Urein-
wohner am Platz, vor ein paar Jahren ärgerlich monierte, hier
hieße es beim Bäcker nicht Wecken, sondern Schrippen, man sei
schließlich in Berlin und nicht in einer schwäbischen Kleinstadt
mit Kehrwoche, flogen Spätzle und trafen Käthe Kollwitz, Kopf
und Schoß waren mit der schwäbischen Leibspeise bedeckt. Eine
Initiative „Freies Schwabylon“ klagte über Diskriminierung und
bekannte sich zu dem Nudelschlag und forderte einen schwä-
bischen Bezirk in Prenzlauer Berg. Die Kollwitz hat auch das
überlebt und zum Schwabenstädle ist es nicht gekommen.
Philipp Strube betreibt seit 2000 den Wochenmarkt am Koll-
witzplatz und kann über die Bezeichnung „Schwabenmarkt“ nur
lächeln. 60 Prozent der Marktbesucher, schätzt er, sind Anwoh-
ner, und von denen lebten schon 20 Prozent vor der Wende hier.
Die etwa 80 Händler kommen alle aus Berlin und Brandenburg.
Natürlich gibt es viel Bio und Öko, aber komischerweise nichts
Schwäbisches. Auf dem Markt frisch gebackener Hefekuchen,
zwei Markt fünfzig das große „Familienstück“, türkische Spezia-
litäten und Falafel, die ein palästinensischer Händler lautstark
unter die Leute bringt, sind an diesem Sonntagvormittag die
Renner. Man wandelt und schwatzt zwischen den Ständen
deutsch, englisch, französisch, trinkt Prosecco oder Latte.
Auf dem Spielplatz lässt ein Vater vom Kollwitzplatz mit einem
Coffee to go in der Hand seinen Nachwuchs schaukeln. Ein Mäd-
chen hat sich auf Käthes Bronzeschoß gesetzt und liest. Am
Rande des Marktes spielt ein Junge auf seiner Gitarre konzertant
„Hit the Road Jack“. Er ist erst elf Jahre alt und kann noch eine
Menge mehr. Das gefällt den Leuten, in seiner Gitarrentasche
klimpern die Münzen.
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