Page 38 - Berlin vis-à-vis - Nr. 76 - Herbst 2018
P. 38
| INTERVIEW
Alle finden Berlin toll. Woher kommt Pudewill: So hart würden wir das nicht manent am Rande der Handlungsfä-
das gute Image? formulieren, auch wenn das ja der sa- higkeit. Berlin hatte in den 20er Jah-
genumwobenen „Berliner Schnauze“ ren des 20. Jahrhunderts schon viel
Pudewill: Die Heterogenität erzeugt entsprechen würde. Um aber ein paar mehr Einwohner (am 31.12.1929 wa-
auch Freiräume und eine Vielfalt, die konkrete Beispiele zu nennen: Was ist ren es 4,33 Mio. Einwohner, am
es ermöglicht, für jedes Lebensmo- aus den Themen Elektropolis und 31.12.2016 lediglich 3,6 Mio. Ein-
dell den richtigen Ort zu finden. Sie Nachhaltigkeit geworden – Oslo hat wohner) und das auf nahezu gleicher
können mondän in Dahlem leben und uns hier um Lichtjahre abgehängt und Fläche. Dazu war Berlin auch noch die
abends im Szenebezirk Kreuzberg plant ganze Stadtteile unter den Ge- größte Industriestadt des Kontinents –
durch die Klubs ziehen. Das alltägli- sichtspunkten – in Berlin gibt es nach auch das ist Vergangenheit. Geblieben
che Berlin ist von der Grundeinstel- wie vor keine belastbare Infrastruktur sind die Industriebrachen. Das könnte
lung her tolerant und das empfinden oder Regeln für den Umgang mit Elek- man auch als Chance begreifen und
viele Menschen auch als Lebensqua- tromobilität. Berlin war vor 100 Jah- eine Stadt mit einem ganzheitlichen
lität. Nicht zuletzt ist Berlin die ein- ren bereits einmal „Elektropolis“ – Ta- Masterplan in die Zukunft führen. Man
zige Stadt in Deutschland, die in die xis und Lieferwagen von Berliner Her- fragt sich, warum aus diesem extre-
Nähe dessen kommt, was man inter- stellern wie Bergmann fuhren men Wandel nicht auch ein Leitbild
national unter dem Begriff Metropole elektrisch. Derzeit aber gibt es noch entwickelt wurde, das für viele Städte
versteht. nicht einmal ein Konzept, wie z. B. eine Vorbildwirkung haben könnte.
Leihfahrräder im öffentlichen Stadt-
Als Architekten kritisieren Sie, dass raum stattfinden. Wo ist der große Berlin wird ja immer gern in einer
kein klares und ganzheitliches Leit- Masterplan, der alles integrativ kombi- Riege mit London, Paris und New York
bild für Berlin existiert. Warum ist es niert und nicht immer alles gegenein- genannt. Passt Berlin da rein, kann
so und was wäre der Ansatz für ein ander ausspielt? Dazu gehören The- man von Augenhöhe sprechen?
solches? men wie Fahrrad gegen Auto, Lösung
38 der rasant zunehmenden Lieferdienste Pudewill: Berlin kokettiert immer gern
Gewers: Es gibt unzählige interessen- gegen Busspuren, die in Oslo bei- damit und war auch tatsächlich 1920
gesteuerte Verteilungsdiskussionen, spielsweise auch durch Elek- nach New York und London die dritt-
sei es Wohnen, Verkehr, alles tritt ge- trofahrzeuge genutzt werden dürfen, größte Stadt der Welt. Um tatsächlich Olaf John
geneinander an: Eigentum gegen Anbindung des Umlands für die Pend- aber auf Augenhöhe mit diesen Metro-
Miete, Fahrrad gegen Auto, Gewerbe ler durch leistungsfähige Regionalan- polen wahrgenommen zu werden, be- Steuerberatung · Wirtschaftsprüfung
gegen Wohnen. Dabei müssten all bindungen, ICE-Anbindung des Berli- darf es noch mehr Substanz und Mut
diese notwendigen Bestandteile einer ner Flughafens, Berliner Stadtent- zur Zukunft. Mehr Offenheit zu den
„Metropole“ mit einem Masterplan wicklung durch den lange Themen Verdichtung, Hochhäuser, … und seine langjährig erfahrenen Steuerberater mit ihren Mitarbeitern
zueinander in Beziehung gebracht angekündigten Hochhausentwick- vielschichtige Urbanität, nicht nur Kli- beraten Sie vernetzt zum Steuer- und Wirtschaftsrecht.
werden und mit Leitbildern verständ- lungsplan … entelpolitik und Abgrenzung. Auch
lich kommuniziert werden. Das genau das sensible Thema Eigentum gegen
passiert aber nicht, man wurstelt sich Was sind die Schwachpunkte? Miete, das in Berlin regelmäßig zu
so von Problem zu Problem und ver- ideologischen Grabenkämpfen führt,
gisst das große Ganze. Wir Menschen Gewers: Es gibt keine Vision und kein haben Städte wie beispielsweise Sin-
denken in Bildern, da ist es besonders Leitbild, Berlin verhält sich extrem gapur souverän gelöst, indem der
wichtig, dass große Themen wie die passiv, nimmt Entwicklungen als Staat die Rolle eines Projektentwick-
mittel- und langfristige Entwicklung selbstverständlich hin und reagiert im- lers übernommen hat und den Men-
der Hauptstadt auch in einem den mer nur – auf Druck. Die immer wieder schen preiswerten Wohnraum als Ei-
Menschen vermittelbaren Leitbild for- als Herausforderung artikulierte Zu- gentum zur Verfügung stellt. Eigen-
muliert werden kann. wanderung entspricht eigentlich ei- tum per se ist nichts Schlechtes
nem Bevölkerungswachstum von le- sondern schafft Verantwortung und
Sie sagen, Berlin ist immer ganz vorn, diglich ca. 1 Prozent pro Jahr. Das Identifikation – alles Werte, die eine
wenn es um große Ankündigungen geht sollte eine Metropole verkraften und Metropole gut gebrauchen kann.
und wird dann ganz schnell von anderen leisten können. Man hat aber in der öf-
Großstädten in den Schatten gestellt. fentlichen und politischen Diskussion Wo steht Berlin in zehn oder 20 Jah-
Also, große Klappe, nichts dahinter? den Eindruck, Berlin befinde sich per- ren?
persönlich – vertraulich – kompetent – ideenreich – strategisch
www.olaf- john.de
Tel.: (030) 895 85 0 * Furtwänglerstraße 9 * 14193 Berlin- Grunewald
OJO_AZ_VIS67_210x148_V3.indd 1 02.08.16 15:04
VIS76 BG3.indb 38 02.11.18 15:22

