Page 37 - Berlin vis-à-vis - Nr. 75 - Sommer2018
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fl äche angelegt, Bäume gepfl anzt. 1963 erhielt er Brechts Na-
                  men. Heute reicht der Platz bis ans Ufer der Spree. Aber das
                  könnte sich ändern, denn so eine Fläche mitten in der Stadt
                  weckt Begehrlichkeiten. Am Zirkus 1, wo einst das Theater des
                  Volkes lag und nach der Wende lange eine hässliche Stadtbra-
                  che, steht seit ein paar Jahren das „Yoo Berlin“, ein Luxus-Apart-
                  menthaus mit Swarovski-Kronleuchtern in der Lobby, Concierge,
                  Swimming Pool, Ausstattungselementen in Platin und Bronze, in
                  dem ein Penthouse für 6,25 Millionen Euro, 25 000 pro Quadrat-
                  meter, feilgeboten wurde. Ein Angebot für ausländische Inve-
                  storen, die die Hälfte der Wohnungen gekauft haben. Und kaum
                  da sind.

                  Dafür wurde an dem Platz vor dem Gebäude kräftig gespart,
                  Brecht ist von grauem Schotter statt Marmor umgeben, und an-
                  fangs hat es nicht einmal für ein paar Bänke gereicht. Ein Platz
                  ohne Idee. Ohne Leben. Das spielt sich um die Ecke ab, an der
                  Spree, auf der „Meile“ zwischen den Restaurants „Ganymed“
                  und „Ständige Vertretung“.

                  Ein anderer Investor hat schon weitere Baupläne für den Brecht-
                  Platz, einen Riegel will er um den Platz bauen, der ihn vorn ab-
                  trennt vom Spreeufer. Nicht nur die Bewohner der Luxusher-
                  berge, denen der schöne Weitblick abhanden kommen könnte,
                  sind alarmiert. Die Stadtbaudirektorin, erzählt der Investor, hätte
                  jedenfalls ein offenes Ohr. Sein Haus, schwärmt er, soll neben
                  vielen schönen Wohnungen – „Berlin braucht doch Wohnraum“ –
                  einen frei zugänglichen Dachgarten haben und unten eine Gale-
                  rie, in die er den alten Mercedes von Helene Weigel, Brechts
                  Ehefrau und nach seinem Tod noch lange Theaterintendantin,
                  stellen will – „wegen der Verbindung zum Berliner Ensemble“.
                  Vor sich hin lächelnd schaut Brecht – noch – auf die Spree; er
                  kennt sie ja, diese Schachereien, hat sie oft verdichtet.

                  Claudia aus Peru ist zur Dreigroschenoper ins Theater verschwun-
                  den, der Platz neben Brecht ist frei. Eigentlich könnte die Weigel
                  dort sitzen. Sie gehört neben ihn, hat ihn, trotz seiner vielen Wei-
                  bergeschichten, ein Leben lang begleitet, bekocht und beraten,
                  aber vor allem hat sie seine „Mutter Courage“ gespielt und viele
                  Jahre das Berliner Ensemble am Platz geführt. Helene Weigel auf
                  die Bank neben Brecht! Und den Platz vor ihrem Theater in Brecht-
                  Weigel-Platz umbenennen. Passt doch in die Zeit.


                  Wahrscheinlich zu spät. Helene Weigel hat, so wollten es die Stad-
                  toberen im frauenfördernden Ostberlin, seit 1978 ihren eigenen
                  Platz. Der ist groß und weit, aber auch weit, weit weg von Berlins
                  Mitte, in Marzahn. Dort gibt es einen Wochenmarkt und ein Rat-
                  haus, aber kein Theater. Und das Kino „Sojus“ hat nach 28 Jahren
                  zugemacht. Ein geschichtsloser Ort, der zu Helene Weigels Zeit
                  noch nicht einmal existierte und nichts zu tun hat mit der Frau.
                  Ungerecht ist die Welt. Aber das wusste die Weigel.











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