Page 87 - Berlin vis-à-vis - Heft 63 - Sommer 2015
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DREI HIPSTER Foto: Katja Kraft VOM GRILL Die mütterliche der Trend vor etwa Spanierin mit der zwei Jahren, als praktischen Frei- Der Trend zum Streetfood verändert eine amerika- zeitjacke und dem nische Foodblog- die kulinarische Szene in Berlin – statt Selfi e-Stick irrt et- gerin in Treptow was verloren durch Döner und Currywurst stärkt man sich den „Bite Club“ er- 87 die Markthalle Neun in öffnete: Eine Ansamm- nun mit Pulled Pork, veganen Pies Kreuzberg. Eigentlich lung von mobilen Ess- wollte sie hier nur kurz ein und Spätzle to go. Ständen, Bierbänken und paar nette Bilder fürs Reiseal- einem DJ, der die Umgebung bum machen. Aber nun hat sie mit entspannter Musik beschallt. ihre Begleiterin verloren. Und auch Damit sollte die Lockerheit amerika- der Markt ist ganz anders als erwartet. nischer Spezialitätenfestivals mit der Keine hochgetürmten Gemüseberge und Vitalität asiatischer Nachtmärkte kom- üppigen Käsetheken. Sondern eine Ganz sicher der teuerste Eistee, den sie biniert werden. Ganz so dynamisch ist Überfülle an Buden mit unbekannten jemals getrunken hat. Aber er schmeckt es dann zwar doch nicht, wenn ein Hau- Speisen: vegane Pies und Reisnudelrol- wunderbar, frische Minze und etwas fen Hipster sich an Verkaufswagen nach len, brutzelndes Blattgemüse und ru- Ingwer glaubt sie zu erkennen. Zu gerne Essen anstellt, um es danach gemütlich binrote Suppen. Zwischen den Ständen hätte sie sich hier zusammen mit ih- fl äzend zu verdrücken. Aber dass der schieben sich kauende Menschen anei- rer Freundin fotografi ert. Aber wo Fokus auf dem gemeinsamen Genuss nander vorbei, junge Männer mit Bärten steckt die bloß? liegt – und nicht auf der raschen Sätti- und Wollmützen, Frauen mit riesigen Streetfood aus mobilen Verkaufswagen, gung – ist neu in dieser schnellen Stadt. Brillen. Alles riecht aufregend fremd. In sogenannten „Food Trucks“, sind der Jahrzehntelang bedeutete „unterwegs der Mitte des Getümmels haben zwei Trend der Stunde in Berlin. Entfernt er- essen“ in Berlin nämlich kaum mehr, Studentinnen Kunststoffbecher mit innern die Wagen an den Anhänger, aus als sich auf dem Weg von der Arbeit selbst gemachtem Eistee aufgebaut. dem einst die legendären drei „Damen oder ins Nachtleben irgendwo rasch ei- Unglaubliche 3,50 Euro nehmen sie für vom Grill“ in der gleichnamigen Fern- nen fettigen Döner oder eine lau- eine Portion. Die Leute scheint das sehserie Bockwürste durch die Ver- warme Currywurst reinzustopfen – nicht abzuschrecken. Ein Becher nach kaufsluke reichten und damit für Jahr- Hauptsache satt. dem anderen verschwindet, die Frauen zehnte das Bild der Berliner Imbisskul- Auf den Bite Club folgten der „Village kommen kaum nach mit dem Auffüllen. tur prägten. Doch das ist auch schon die Market“ in der „Neuen Heimat“ in Kurzentschlossen schiebt auch die Spa- ganze Gemeinsamkeit mit der moder- Friedrichshain und seit einiger Zeit nierin ihre Münzen über den Tresen. nen Streetfood-Szene. Begonnen hat auch der „Streetfood auf Achse Sonn- VIS63_BG6.indb 87 27.07.15 11:49

