Page 88 - Berlin vis-à-vis - Heft 63 - Sommer 2015
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| GENUSS Foto: Markthalle Neun Foto: Markthalle Neun 1 3 1 Streetfood Thursday: Burger aus der Markthalle Neun 2 wilde Geschmackskombinationen 3 Essen auf die Hand 4 Festivalstimmung Foto: Katja Kraft Foto: Markthalle Neun 2 4 tagsmarkt“ auf dem Gelände der Kultur- Trend leidenschaftlicher Laien, die Pappschalen und Wegwerfholzgabeln brauerei in Prenzlauer Berg. Hier über- ihre Freude am Kochen und Backen – hinterlässt, wird nur von Spielverderbern 88 steigt der Anteil junger Familien noch und manchmal das Beherrschen einer bemäkelt. deutlich den der Lifestyleblogger. Aber exotischen Landesküche – lieber im In der Markthalle Neun klappt die müt- auch hier ist die Atmosphäre fröhlich Nebenerwerb pfl egen. Darum erinnert terliche Spanierin endlich ihren Selfi e- und die Auswahl immens. Sudanesische die Stimmung vieler Streetfood-An- Stick zusammen. Im Getümmel ist ihre Lammkeule vom Steingrill? Crêpes? lässe auch eher an einen Flohmarkt als Freundin wieder aufgetaucht – und Weißwurst-Hot Dog? Oder Schweizer Ra- an ein kommerzielles Festival. schwärmt von einem Brötchen aus ge- clette? „Gute Wahl!“ lobt der Grillmeis- In der Kulturbrauerei stellt ein Hobby- kochtem Weizenteig, gefüllt mit Glasnu- ter eines stattlichen Wagens, als eine koch gerade eine Portion frisch gebrut- deln und Sellerie, das sie gerade an Kundin „Pulled Pork“ mit hausgemach- zelter Süßkartoffelpommes vor seinen einem asiatischen Stand verkostet hat. tem Coleslaw bestellt. Pulled Pork ist Kollegen vom Fleischbällchenstand ne- „Ich habe keine Ahnung, was das war, der Renner des Streetfood. Mariniertes benan. „Genau das, was ich jetzt brau- aber es war köstlich. Und es kostete nur Schwein – Schulter oder Nacken – wird che!“, strahlt der, als die knusprigen 2 Euro!“ Die meisten Streetfood-Porti- in einem speziellen Räuchergrill stun- Fritten noch mit einem Klacks veganer onen sind klein genug, um Platz für denlang bei niedriger Temperatur ge- Mayonnaise dekoriert werden. „Was Neugier zu lassen. Zusammen wollen gart. Danach ist es so zart, dass es fast kriegst du dafür?“ Der andere winkt ab. die beiden rüstigen Damen jetzt näm- in Stücke zerfällt und auf Brötchenhälf- „Nichts. Vielleicht ein paar Fleischbäll- lich auch noch eine echt deutsche Spe- ten getürmt werden kann. Der texa- chen bei der nächsten Runde.“ – „Aber zialität probieren. „Heißer Hobel“ steht nische „Pit Master“ Adam Ramirez, klar“, sagt der Glückliche, „wann immer an dem stromlinienförmig altmodischen Hobbykoch und Wahlberliner, bietet seit du willst.“ Nicht alles, was durch die Campingwagen am Eingang der Markt- fünf Jahren mit seinem speziell angefer- Ausgabeklappe eines Berliner Food halle. Darin hantiert ein schwungvolles tigten Garofen abseits der Foodmärkte Trucks gereicht wird, ist nachhaltig, ve- Paar. Mit Schmackes füllt der Mann sogar eine Originalvariante des texa- gan und ökologisch korrekt. Aber fast eine Kelle dickfl üssigen Spätzleteigs in nischen BBQ an: auf gescheitetem Ei- immer wird es betont liebevoll serviert. die Reibe. Dass er das nicht zum ersten chenholz gegart. Er ist einer der weni- Bei Streetfood geht es neben Genuss Mal macht, zeigt die Routine, mit der er gen Anbieter, die auch im alten Wes- auch um Gesinnung. Dass man beim etwas über den Rand getropften Teig ten präsent sind. Wie die meisten Kosten und Testen auch der nachhal- wieder einfängt. Konzentriert lässt er di- Streetfood-Köche ist auch Ramirez tigsten Köstlichkeit und des glücklichs- cke Teigknäuel in einen Topf mit sie- kein gelernter Koch. Streetfood ist ein ten Schweineschnitzels Unmengen von dendem Wasser plumpsen. „Ist gleich VIS63_BG6.indb 88 27.07.15 11:49
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