Page 91 - Berlin vis-à-vis - Heft 63 - Sommer 2015
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Es wird ja schon mit veränder- barem Licht in Schulen expe- rimentiert. Da geht es nicht nur um hell und dunkel, sondern auch um warmes und kaltes Licht, je nach Tageszeit und Ar- Abb.: Fotolia beitssituation. Empfehlen Sie das? Ja, denn es gibt auch akute Wir- sprachlich sagt, Eulen und Lerchen. kungen von Licht. Helles, bläuliches Wenn jemand ein ganz extremer Spät- Licht erhöht die Konzentration und zum Beispiel eine große Studie mit typ ist, dann könnte elf Uhr sogar noch Aufmerksamkeit. Gedimmtes Licht ist Krankenschwestern, die in rotie- zu früh sein. Die meisten Menschen eher für kreative Prozesse wichtig oder renden Schichten arbeiten, sie haben haben aber einen relativ normalen in Gesprächssituationen. Ganz unab- ein höheres Risiko für Brustkrebs. Chronotyp, das heißt ihre Schlafmitte hängig von aller Chronobiologie. ist ungefähr um 4:30 Uhr. Diese Künstliches Licht ist immer wieder Schlafmitte bedeutet, man ginge um Im Moment haben wir Sommerzeit, ein Thema, Stichwort Blauanteil im halb eins ins Bett und würde um halb die meisten genießen die längeren Lichtspektrum. Wie sollte Licht be- neun aufwachen. Dann ist man natür- Abende. Trotzdem fl ammt immer wie- schaffen sein, damit wir den Schlaf- lich am Vormittag besonders produktiv. der Streit auf über Sinn und Unsinn. Wach-Rhythmus nicht gefährden? Es gibt aber auch noch andere sehr Also ganz allgemein bin ich wie 91 Licht hat unterschiedliche Auswir- produktive Zeiten. Zum Beispiel am meine Fachkollegen auch für Ab- kungen auf die innere Uhr. Das Wich- Abend. Untersuchungen zeigen, dass schaffung der Zeitumstellung. Denn tigste ist, dass wir das Licht zur rich- die Aufmerksamkeit am Abend noch vom Stand der Sonne und den natür- tigen Tageszeit erhalten. Wenn wir einmal ansteigt, das ist typenabhän- lichen Gegebenheiten her ändert sich tagsüber viel Licht bekommen, dann gig. Wenn wir tagsüber wenig Licht be- ja nichts. Nur dass dann die Schule ist es allgemein gut für die innere Uhr, kommen, verschiebt sich ebenfalls der oder die Arbeit noch eine Stunde das ist auch eine Botschaft an die Be- Rhythmus nach hinten. Vergleicht man eher anfängt. Viele Menschen haben völkerung: viel Licht tagsüber. Aber unseren durchschnittlichen Chronotyp da Umstellungsprobleme. Außerdem kein künstliches Licht in der Nacht, etwa mit Indien, dann sind wir relative bekommen zum Zeitpunkt der Um- gerade in der frühen Nacht. Das ist vor Spättypen. Das liegt daran, dass die stellung einige Menschen kaum Mor- allem für die Spättypen wichtig. Wenn Inder viel mehr dem Tageslicht ausge- genlicht, dabei ist gerade das so diese Menschen in der frühen Nacht setzt sind als wir. wichtig. Wenn man um 6 Uhr auf- viel Licht bekommen, gerade auch steht, ist es ja noch dunkel. Es gibt Computerlicht mit hohem Blauanteil, Die Schulen aber zum Beispiel fangen extreme Spättypen, die stellen sich dann stellt sich deren innere Uhr auf spätestens schon um 8 Uhr an, das ist das ganze halbe Jahr überhaupt nicht noch später. Wenn sie am frühen Mor- also gegen die innere Uhr der meisten um, das haben Studien gezeigt. Ich gen mehr Licht ausgesetzt sein wür- Schülerinnen und Schüler. kann allerdings auch gut verstehen, den, dann tickt die innere Uhr früher. Ja, eigentlich müsste der Schulunter- dass viele es schön fi nden, wenn es Da kann in der dunkleren Jahreszeit richt wirklich später beginnen, gerade abends länger hell ist. Mein Kompro- auch schon mal eine Tageslichtlampe für die älteren Schüler. 9 Uhr, 10 Uhr, missvorschlag wäre, dass die Som- hilfreich sein. in Dänemark gibt es Schulen, die fan- merzeit nicht schon Ende März be- gen erst um 11 Uhr an. Der Chronotyp ginnt, sondern vielleicht erst Ende 11 Uhr ist für die meisten Menschen ist aber auch gestaffelt altersabhän- Mai und schon Ende August aufhört. die produktivste Zeit. Warum ist das so? gig. Gerade Jugendliche sind vom In dieser Zeit ist ja auch meteorolo- Alle Menschen sind unterschiedlich, Chronotyp her meist relativ spät, gisch Sommer. es gibt genetisch bedingt Spättypen Grundschulkinder sind früher aufnah- und Frühtypen, also wie man umgangs- mefähig. Danke für das Gespräch. VIS63_BG6.indb 91 27.07.15 11:49
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