Blüten, Havel und Hügelland

Werder wächst und hat nach Potsdam auch bei den Übernachtungsgästen die höchsten Zuwachsraten in ganz Brandenburg. Die Stadt hat viel mehr zu bieten als Rummel und Obstwein zum Baumblütenfest. [Foto: TMB-Fotoarchiv/Yorck Maecke]

Der frische Obstwein fließt hier jedes Jahr in Strömen, und manch einer findet den Heimweg nicht mehr aus eigener Kraft. Darum verbinden viele Berliner Werder oft nur mit dem größten „Besäufnis“ des Jahres, dem Baumblütenfest Anfang Mai. Seit 1879 veranstaltet, gehört es zu den größten Volksfesten in ganz Deutschland. Die Besucher kommen mit Sonderzügen scharenweise – bis heute. Dabei ist in der Umgebung noch viel mehr zu erleben. Es lohnt sich, mit dem Fahrrad auf dem Obstpanoramaweg von Ort zu Ort zu radeln. Die Obstbauern halten gerade zum Blütenfest die Türen offen und bieten ihre Weine zur Verkostung an. Von Petzow über Glindow nach Derwitz führt der anderthalbstündige Weg. Nach den früheren Eingemeindungen befindet man sich immer noch auf Werderaner Stadtgebiet. Besonders beschaulich und einen Zwischenstopp wert ist der Ort Petzow mit seiner Wasserlage, dem historischen Schloss-ensemble von Karl Friedrich Schinkel und dem historischen Lenné-Park. In Glindow befindet sich das Ziegelei-Museum, ein seit 1993 bestehendes Industriedenkmal auf dem Gelände einer historischen Ziegelei, in der heute handgestrichene Tonziegel hergestellt werden. Bei Derwitz kann man das Lilienthaldenkmal besichtigen. Es wurde 1991 eingeweiht. Am Spitzberg führte der Flugpionier Otto Lilienthal 1891 mit seinem Derwitzer Apparat die ersten kurzen Gleitflüge durch. Dazu der Zeitgenosse Ferdinand Ferber: „Den Tag des Jahres 1891, in dem Lilienthal erstmals fünfzehn Meter weit die Luft durchmessen hat, fasse ich auf als den Tag, an dem die Menschheit das Fliegen gelernt hat.“

In Werder bietet sich ein Ausflug zu den verschiedenen Höhengaststätten der Stadt an: zur Bismarckhöhe, zur Friedrichshöhe oder auf den Wachtelberg. Der Überblick auf die Stadt und seine Wasserlandschaft lohnt den Aufstieg allemal. Vor allem von der Bismarckhöhe auf dem Galgenberg mit der riesigen Panoramaterrasse oder dem Aussichtsturm hat man eine grandiose Aussicht. Der weite Rundumblick streift bei guter Sicht die Baumgartenbrücke zwischen Geltow und Werder, den Großen Zernsee und die vorgelagerte historische Inselstadt von Werder. Die Kirche und die alte Bockwindmühle sind weithin sichtbar. Neben der Terrasse mit dem historischen Biergarten beherbergt die Bismarckhöhe den prächtigsten Ballsaal der Region. Alljährlich wird hier mit dem Baumblütenball das Blütenfest eröffnet. Und noch etwas gibt es auf der Bismarckhöhe: das erste und einzige Christian-Morgenstern-Museum.
Anlässlich des 100. Todestages Christian Morgensterns wurde es 2014 vom Freundeskreis Bismarckhöhe e. V. eröffnet. Es wird bis heute ehrenamtlich betrieben und befindet sich im Aussichts- und Museumsturm der Bismarckhöhe. Eben jenes Ausflugsrestaurant auf dem Werderaner Galgenberg war es, das den Dichter zu seinen Galgenliedern inspirierte. Mit seinen Freunden, den „Galgenbrüdern“, hatte er es einst zu feucht-fröhlichen Gelagen besucht. Bei Obstwein gaben sie sich dem schaurigen Unsinn hin. Hufeisen und Henkersbeil stets dabei. Sie nennen sich „Gurgeljochen“ und „Verreckerle“, „Stummer Hannes“ und „Schuhu“, ihr oberster Gruselbruder ist das „Rabenaas“, Morgenstern selbst. „Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre“, bekundete der Dichter. In einem rauschhaften Gedicht heißt es: „Lass die Moleküle rasen/ lass sie toben/ lass das Knobeln -/ heilig halte die Ekstasen!“

Doch auch nüchtern betrachtet, geht es mit Werder steil bergauf, die Einwohnerzahl ist auf über 26 000 gestiegen. Und auch wirtschaftlich kann sich Werder nicht beklagen. Bürgermeisterin Manuela Saß ist stolz auf die Entwicklung der Stadt in den vergangenen Jahren: „Wir sind ein staatlich anerkannter Erholungsort, deshalb liegt ein Schwerpunkt der Wirtschaftsentwicklung im touristischen Bereich. Die Stadt gehört zu den beliebtesten Reisezielen im Land Brandenburg und war im vergangenen Jahr nach Potsdam die Kommune mit den höchsten absoluten Zuwächsen an Übernachtungen in der Mark“. Exakt 276 810 Übernachtungen zählte Werder im vergangenen Jahr.
Dabei ist nicht etwa der Mai, also die Zeit der Obstblüte, der Monat mit den meisten Übernachtungen in Werder, sondern der Juli. Der Wasserreichtum der Gegend und die Nähe zu Potsdam und Berlin sind sicher das, womit Werder am meisten punktet. Damit die Stadt für seine Einwohner noch attraktiver wird und auch der ganzjährige Tourismus weiter wächst, ist aktuell mit einem Investor der Weiterbau der Havel-Therme in Gang gesetzt worden. „Think big“ ist das Motto der Stadt.

Karen Schröder

 

79 - Sommer 2019
_allesfinden_