Der Schreibtisch im Grünen

Es muss nicht Bali oder Thailand sein. Digitale Nomaden zieht es nicht mehr unbedingt in die Welt. In Brandenburg entstehen auf dem Land immer mehr Co-Working-Spaces [Foto: Dietrich & Kokosnuss OHG]

Bis Mittag arbeiten, dann in einen glasklaren Brandenburger See springen, im Wald spazieren gehen und gegen Abend wieder an den Schreibtisch zurückkehren. Wer wünschte sich das nicht? Es wäre die perfekte Work-Life-Balance. Mittlerweile ist das an vielen Orten Brandenburgs möglich. Co-Working-Spaces ermöglichen dies. Wie in den Großstädten gibt es sie jetzt auch auf dem Land, ein echter Trend.

Hinzu kommt, dass die Pandemie das Landleben zusätzlich attraktiver gemacht hat. Das gemeinsame Arbeiten hilft dabei, sich zu vernetzen und Kontakte zu knüpfen. Viele sind durch die neuen Impulse vor Ort auch kreativer als im klassischen Homeoffice. Das betrifft auch die Einheimischen. Voraussetzungen sind ein schnelles Internet, eine Teeküche und eine möglichst angenehme Atmosphäre. Einige dieser Gemeinschaftsbüros locken zusätzlich mit Übernachtungsmöglichkeiten und einem gastronomischen Angebot. Die Nutzungszeiten und -preise sind in den meisten Fällen sehr flexibel. So ist es zum Beispiel auch Familien möglich, gemeinsam an einem angenehmen Ort Urlaub zu machen, wenn ein Elternteil arbeiten muss. Insgesamt ist das Co-Working eine neue Möglichkeit, den Tourismus anzukurbeln und die Digitalisierung aufs Land zu tragen. Arbeitsplätze können so zurückgeholt werden in die Region. Am Ende profitieren alle, auch die Brandenburger Orte selbst.

 


 

Coconat – in Klein Glien
Coconat ist der wohl älteste und bekannteste Co-Working-Space auf dem Land in Brandenburg. 2014 wurde er in einem alten Gutshaus unweit von Bad Belzig gegründet und hat es sogar bis in die New York Times geschafft. Er bietet das Komplettprogramm. Neben zahlreichen Arbeitsplätzen gibt es Übernachtungsmöglichkeiten, Seminarräume, eine Sauna und einen Pizzaofen. Damit sich die Berliner ganz zu Hause fühlen können, dient seit neuestem ein im Garten aufgestellter Berliner S-Bahn-Waggon als Co-Working-Space. Alle Arbeitsräume stehen von Montag bis Freitag von 8.00 Uhr bis 19.00 Uhr zur Verfügung. Mit den Gemeinden Wiesenburg und Bad Belzig ist Coconat Teil eines Smart City Projekts der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, das viele regionale Initiativen bündelt. Der Fläming südwestlich von Berlin ist somit ganz weit vorn, wenn es um Co-Working geht.
coconat-space.com/de/

Gleis 21 Wiesenburg
Besser angebunden könnte dieser Co-Working-Space nicht sein. Im ehemaligen Warteraum dritter Klasse am denkmalgeschützten Bahnhof Wiesenburg/Mark stehen fünf Arbeitsplätze zur Verfügung. Es liegt sicheres Internet an. Im Rahmen des Projekts „Heim[at]office“ des Vereins Neuland21 war gemeinsam mit der Gemeinde Wiesenburg die Idee für das Co-Working am Bahnhof entstanden. Vor Ort betreut wird Gleis 21 von Stefanie Röder aus dem Team „Aktive Regionalentwicklung“ der Gemeinde. Erholsame Abwechslung gibt es in Wiesenburg genug. Kunstwanderweg und Schlosspark beginnen gleich hinter dem Bahnhof, und auf der nahe gelegenen Naturgolfanlage von CountryGolf kann man von Freitag bis Sonntag Bälle schlagen. Ein Bistro ist dann auch geöffnet. Genutzt werden kann das Gemeinschaftsbüro Gleis 21 jeweils von Montag bis Freitag zwischen 9.00 Uhr und 18.00 Uhr und nach Absprache. Die Züge von und nach Berlin fahren unter der Woche stündlich.
wegweiser-hoher-flaeming.de

Co-Working Uckermark in Lychen
„Wir können uns selbst kaum einen schöneren Ort zum Leben und Arbeiten vorstellen“, so sehen es die Betreiber des Co-Working-Spaces in Lychen. Sie haben sich in den Ort verliebt, als sie einen Platz zum Heiraten suchten. Im historischen Malerwinkel direkt am See haben sich Juliane Primus und Matthias Kluckert ihren Traum erfüllt und ein Haus gekauft. Hier betreiben sie in einem ehemaligen Geschäftshaus ihren Co-Working-Space, der täglich von 9.00 Uhr bis 22.00 Uhr zur Verfügung steht. Gleich um die Ecke eröffnet sich der Blick auf einen der sieben Seen der Stadt, und gegenüber befindet sich die historische Mühle mit Mühlenwirtschaft. Kein Wunder, dass die Nutzer von der besonderen Work-Life-Balance vor Ort schwärmen. Drei der fünf Schreibtische sind aktuell dauerhaft vergeben. Juliane Primus selbst schreibt Memoiren für Privatleute. Der zweite Mieter verkauft hochwertiges Hundefutter im Internet und ein weiterer ist Steuerberater. Die übrigen Schreibtische können tage-, wochen- oder monatsweise gemietet werden.
coworking-uckermark.de

Co-Working Oderbruch Alte Schule Letschin
Mitten im Oderbruch liegt Letschin. Das Coworking-Space in der Alten Schule Letschin entstand im Zuge des vom Bund geförderten BULE Projektes „Mehrfunktionshäuser“ im ländlichen Raum. Anfang 2018 begann der Umbau des ehemaligen Lehrerzimmers zu einem Co-Working-Space mit zehn Arbeitsplätzen. Für das Einrichtungsdesign konnte die Berliner Innenarchitektin Tonia Welter gewonnen werden, die schon Erfahrungen mit der Einrichtung verschiedener Spaces, darunter das Betahaus in Berlin-Kreuzberg, mitbringt. Entstanden sind ein einladender, ästhetisch ansprechender Gemeinschaftsraum mit vier Arbeitstischen und Tresen sowie ein separater Raum mit zwei Konferenzplätzen sowie eine Küche. Im Dachgeschoss ist das Gründerzentrum untergebracht, und in die leer stehenden Klassenzimmer zogen Start-Ups, Handwerksbetriebe und Kreative. Sie alle sind Teil der Letschiner Co-Work-Community. Da sich Anfragen von Auswärtigen häuften, die Arbeit und Urlaub verbinden wollten, wurde vor zwei Jahren ein Wohnwagen auf dem Hof der Alten Schule aufgestellt, bunt bemalt von Sander Bartel, einem Künstler des Oderbruchs.
coworking-oderbruch.de

90 - Herbst 2022
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