Die Kleinstädte rund um Berlin haben wieder Zukunft

Klosterkirche, Tempelgarten, Museen, viel historische Bausubstanz und vor allem herrliche Seen – Neuruppin ist eine Reise wert oder auch einen Umzug [Foto: Tilo Grellmann, stock.adobe.com]

Neuruppin nennt sich im Beinamen Fontanestadt. Doch die Stadt im Nordwesten Berlins hat mehr zu bieten als die Orte, die an den berühmten Dichter erinnern. Nicht zuletzt durch die gute Verkehrsanbindung und die landschaftlich reizvolle Lage hat Neuruppin Zukunft.

Neubauten und Baustellen prägen das Stadtbild. Neuruppin ist vielerorts nicht mehr wiederzuerkennen. Die märkische Kleinstadt 60 Kilometer nordwestlich von Berlin wird zunehmend attraktiver – für Touristen und Einwohner. Die Einwohnerzahl mit 32 500 Menschen ist seit Jahren stabil. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass die Prognosen ganz anders aussahen. In Planungskreisen wurde ein stetiger Bevölkerungsrückgang bis zum Jahr 2030 vorhergesagt. Ein Irrtum. Die Kleinstädte rund um Berlin haben wieder Zukunft. Vor allem jene, die wie Neuruppin mit der Bahn in einer guten Stunde von Berlin aus zu erreichen sind. Und es soll in einigen Jahren noch schneller gehen. Nach dem Ausbau der Strecke soll die Regionalbahn nach Hennigsdorf im Halbstundentakt verkehren – also doppelt so häufig wie bislang. Neuruppins junger Bürgermeister Nico Ruhle glaubt an seine Stadt: „Entwicklungschancen sehen wir vor allem im Bereich des Tourismus und der Gesundheitswirtschaft, in Zusammenhang mit der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane.“ Aktuell komme es darauf an, es gerade Menschen mit mittlerem Einkommen und jungen Familien zu ermöglichen, Wohneigentum zu erwerben.

Es gibt viele gute Gründe, in Neuruppin zu leben oder auch nur dort Urlaub zu machen. Zum einen ist es die überaus attraktive landschaftliche Lage. Nicht nur, dass man den längsten See Brandenburgs, den Ruppiner See gleich vor der Haustür hat, auch die Ruppiner Schweiz, Rheinsberg und der legendäre Stechlin-See sind nicht weit. Zudem führt der Fontane-Radweg durch Neuruppin.

Doch auch die Stadt an sich bietet viel Liebens- und Lebenswertes. Die Gegend um die Seepromenade gehört zu den attraktivsten der Stadt. Wie eine Verheißung grüßt Parzival, die 17 Meter große Stahlskulptur am Ufer des Ruppiner Sees. Hier lässt es sich gut flanieren oder bei gutem Wetter zu einer Schiffstour aufbrechen. Besonders reizvoll ist die Fahrt zur Boltenmühle, einem der beliebtesten Ausflugsziele in der Ruppiner Schweiz. Auf dem Weg dorthin durchquert das Schiff allein fünf Seen.

Gut essen kann man an der Seepromenade zum Beispiel im Hotel-Restaurant Altes Kasino, gelegen unmittelbar neben der über 750 Jahre alten Klosterkirche St. Trinitatis, dem ältesten Bauwerk Neuruppins. Nicht unwichtig zu erwähnen: Das Hotel verfügt über eine Schnellladestation für Elektroautos.

In der kühleren Jahreszeit ist der Besuch der Fontane-Therme eine gute Alternative zur Dampferfahrt. Direkt am Ruppiner See gelegen nutzt sie das zertifizierte Heilwasser der Fontane-Quelle. Mit Blick auf den See im Außenbereich zu schwimmen, hat schon etwas Erhabenes. Im Schwebebecken hat die Sole einen Salzgehalt von acht Prozent. Als Besonderheit bietet die Fontane-Therme die größte schwimmende Seesauna Deutschlands mit Panoramafenster und direktem Seezugang zum Abkühlen. Für Gäste des Vier-Sterne-Seehotels ist der Besuch der Therme inklusive.

Gleich nebenan entsteht derzeit in mehreren Bauabschnitten das Seetor-viertel, benannt nach einem mittelalterlichen Stadttor, das sich einst hier befand. Auf einem alten Industriegelände, das jahrzehntelang brachlag, entstehen Eigentums-, Miet- und Ferienwohnungen sowie Gewerbeeinheiten. In einem ersten Bauabschnitt wurde 2017 die „Seetor Residenz I“ fertiggestellt. Vorher musste allerdings der stark kontaminierte Boden abgetragen werden. Denn früher befanden sich hier das städtische Gaswerk und die 1905 errichtete Feuerlöscherfabrik Minimax. Das Unternehmen wurde 1902 von Wilhelm Graaff gegründet, der die von ihm erfundene „Spitztüte“, den ersten massentauglichen Feuerlöscher, patentieren ließ. 1945 wurde Minimax enteignet und hieß bis zur Wende VEB Feuerlöschgerätewerk Neuruppin. Minimax hat im Westen Deutschlands eine erfolgreiche Entwicklung genommen und ist heute Weltmarktführer bei mobilen Feuerlöschern. Noch immer werden übrigens in Neuruppin Feuerlöscher hergestellt, wenngleich keine Minimax‘ mehr. Im denkmalgeschützten ehemaligen Verwaltungsgebäude des Minimax-Feuerlöschgerätewerkes sind mittlerweile 20 altersgerechte Wohnungen entstanden. Stilvoll ihren Durst löschen, können Einheimische wie Gäste in der neu entstandenen Cocktail-Bar am Minimax. Auf die Einrichtung verwendeten die Betreiber viel individuelle Sorgfalt.

Dass man sich im Vergleich zur Berliner Konkurrenz nicht verstecken muss, zeigt auch das Angebot des Hauses. Seine Spezialität, der Milk Punch, verarbeitet in Cocktails aufwändig geklärten Soja-Milchdrink. Der „Feuerlösch sour“ indes ist eine Anspielung auf die Geschichte des Areals. Er besteht unter anderem aus Gin, Zitronengras und Kardamom.

Karen Schröder

 

88 - Frühjahr 2022
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