Eine Ruine voller Zartlichkeit

(oben) Kunst auf dem Land im einstigen Adelssitz Schloss Lieberose – (mitte) José Noguero vor seiner Wandinstallation – (unten) Künstlerin Leiko Ikemura – (rechts) Installationsansicht Gregor Hildebrandt, Säule, Filme für Brancusi, laser disk [ Fotos: © Jan Brockhaus]

Käme bei Alice im Wunderland auch eine Kunstausstellung vor, sähe sie ungefähr so aus wie der diesjährige „Rohkunstbau“ auf Schloss Lieberose. Das Brandenburger Festival „Rohkunstbau“ lässt zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler die Räume verwunschener Ruinen bespielen. Die diesjährige Auflage im Schloss Lieberose ist besonders gut gelungen. 

Alles wirkt irgendwie aus der Zeit gefallen, verwunschen, ein bisschen verwirrend. Auf abenteuerliche Weise staubig und roh – und gleichzeitig auch sanft und poetisch. Die Neugierde lockt einen immer tiefer in das schrundige Innere des Schlosses und in Räume, von denen man nicht weiß, was darin wartet: ein Gemälde, eine Installation, ein Film? Das Festival Rohkunstbau findet bereits zum 25. Mal statt. Sein Konzept: Deutsche und internationale Künstlerinnen und Künstler mit Bezug zu Berlin verwandeln mit ihren Werken für einen Sommer verlassene Herrenhäuser, herunter-gekommene Schlösser oder sonstige für die Region typische Gebäude in Brandenburg. Die Räume selbst dienen als Rahmen für die Kunst. Dadurch entsteht eine unerwartete Tiefe, wie sie in einer Galerie oder einem Museum nicht erzeugt werden könnten: in diesem Jahr etwa in zwei von der Celler Bildhauerin Christiane Möbus gestalteten Räumen. Beide sind dominiert von tief in den Raum ragenden historischen Gewölbedecken, von denen im ersten schneeweiße Gipsputten auf die Besucherinnen und Besucher herabgrinsen. Darauf scheinen zwei fahrradreifengroße Objekte von Möbus zu antworten. Es sind schlichte Kränze aus dicken Röhrenknochen, die in ihrer eleganten Gleichförmigkeit die wimmelnde Kleinteiligkeit der Puttendecke akzentuieren und gleichzeitig besänftigen. Im angrenzenden, ebenfalls mit Stuckaturen dick verzierten Raum wartet ein einzelner, lebensecht präparierter Rabe auf der Fensterbank. Mit seiner glänzenden Schwärze setzt er einen beiläufigen Kontrapunkt zu der überbordenden Dekadenz der Decke. Er schneidet ihr sozusagen das Wort ab. Denn auf einmal steht nicht mehr der wilde Stuck im Fokus des Raumes, sondern die tiefen Risse in den Wänden dieses seit Jahrzehnten verlassenen Schlosses. Auf einmal geht es nicht mehr um heitere Dekadenz, sondern um Ende und Vergänglichkeit.

Zum dritten Mal seit 2017 und 2018 gastiert der Rohkunstbau im Schloss Lieberose im Landkreis Dahme-Spreewald. Das Barockschloss besteht nur noch in Teilen und zeigt deutlich die Schrammen und Narben seiner Geschichte, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Gleichzeitig hat es, auch durch die umgebende Parkanlage, eine wunderbar sanftmütige Stimmung. Damit ist es wie gemacht für das diesjährige Motto des Rohkunstbaus: „Zärtlichkeit“. Alle zwanzig Kunstschaffenden, die in diesem Jubiläumsjahr vertreten sind, haben eine Verbindung zu den vergangenen Festivals oder wurden dort sogar entdeckt. Die Moskauer Videokünstlerin Olga Chernysheva etwa war bereits 2015 dabei. In diesem Jahr wird ihre Arbeit „Steamboat Dionysius“ in einem kühlen Gewölberaum im ehemaligen Wirtschaftsflügel des Schlosses gezeigt, wo ein uraltes Herdungetüm an eine frühere Nutzung erinnert. Der halbstündige Film dokumentiert die Feierabendfahrt eines Paares auf einem Vergnügungsschiff. Wenige Untertitel im schlichten Tagebuchstil beschreiben, wie das Boot ablegt, wie der Alleinunterhalter auf ein am Ufer vorbeiziehendes orthodoxes Kloster am Ufer hinweist, wie die Protagonistin und ihr Mann tanzen und ein Sandwich essen. Die Faszination entsteht im Zusammenspiel mit den unkommentierten Bildern, die mit wackeliger Handkamera eingefangen sind: die sanfte Abendstimmung an den weitgehend unbebauten Ufern der Vologda, die Gesichter der tanzenden Frauen, die sich ganz dem Moment und dem melancholischen Schmelz des singenden Alleinunterhalters hingeben, die Intensität und Zärtlichkeit des kleinen Glücks, das das scheinbar zufällig im Mittelpunkt stehende Paar in diesen paar Stunden erlebt.

Verantwortlich für die Auswahl der Künstler sowie die Platzierung der Kunstwerke ist erstmals die Berliner Kuratorin Heike Fuhlbrügge. Mit großem Feingefühl sind die Objekte so im Schloss platziert, dass sie wie eigens für diesen Ort geschaffen scheinen, obwohl das nicht der Fall ist. So gelingt es, nicht nur die Sinnlichkeit der Werke und des Ortes in den Vordergrund zu holen, sondern auch dem schroffen Konzept eine Leichtigkeit zu geben, die dennoch das Hintergründige nicht verschweigt. Damit ist dieser Rohkunstbau ein Vergnügen sowohl für ein geübtes Kunstpublikum als auch für Besucherinnen und Besucher, die keine Erfahrung mit zeitgenössischer Kunst haben. Am Ende eines langen, staubigen Ganges im oberen Geschoss des Schlosses verwandeln großformatige Gemälde von Leiko Ikemura einen weiteren Raum. Die klecksartigen, abstrakten Farbflächen auf den Leinwänden der Japanerin scheinen mit den schrundigen Wänden und dem schartigen Fußboden nicht nur verwandt, sondern geradezu mit ihnen zu verschmelzen. Aus dem rohen, unbenutzbaren Raum wird ein Ort, der vor Formen und Farben zu pulsieren scheinen.

Seinen ungewöhnlichen Namen hat das Festival von einer im Rohbau stehen gebliebenen Betonhalle in Lübben, wo die ersten Auflagen der Ausstellung gastierten. Ausgerechnet zum 25. Jubiläum war lange unklar, ob der „Rohkunstbau“ zum zweiten Mal hintereinander ausfallen muss. Im letzten Jahr hatte es wegen einem Wechsel in der Trägerschaft nicht geklappt, in diesem Frühling legte Corona das öffentliche Leben lahm. Doch am Ende hat, wie fast immer in Berlin, alles funktioniert. Und so steht auch für diesen Sommer die Einladung zu dieser aufregenden und außergewöhnlichen Landpartie der Kunst, wie sie vielleicht nur in Brandenburg überhaupt möglich ist.

Susann Sitzler

 

83 - Sommer 2020
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