„Ich bin, was es heute nicht mehr häufig gibt: ein Generalist.“

Der Berliner Wintergarten ist ein Anziehungspunkt für Touristen und Berliner. Seit fast 22 Jahren leitet Georg Strecker das weltbekannte und traditionsreiche Haus an der Potsdamer Straße. Auf Umwegen kam er dorthin: Er wollte Lehrer werden, arbeitete als Tourleiter für Rock-Bands und war Eventmanager in der Politik. Wenn er zur Ruhe kommen möchte, geht der Varieté-Chef am liebsten Zeitungen lesen in einem belebten Café.

Lebendes Moos, grüne Hängepflanzen, geschwungene Lichtelemente unterm Glasdach, durch das die Sterne schimmern – Georg Strecker baut vor dem geistigen Auge das Atrium des Berliner Wintergartens. Das Dach ist schon da. Ansonsten stehen große Kühlcontainer und viel Baumaterial im Innenhof der Potsdamer Straße 96. Zum Jahresende soll es fertig sein, so der Plan. Und wofür? Für die Köche und Kellner, sie haben bislang umständliche Wege zurückzulegen, für Premierenfeiern und für Firmen, die die neue Location mieten möchten. Entworfen hat den Erweiterunngsbau der Innenarchitekt Nik Schweiger, preisgekrönt für zahlreiche innovative Bauten und Bruder von Til Schweiger. Vorangetrieben und koordiniert werden die Arbeiten am neuen Innenhof für Gastronomie, Künstler und Gäste von Georg Strecker und seinem Team. Als Unterhaltungsmanager besitzt er die Fähigkeit und das Fingerspitzengefühl, unterschiedliche Ansprüche und Interessen miteinander zu verknüpfen.

Seit 1998 ist der Wintergarten Georg Streckers Heimat. „Ich war in Bonn, beim Klimasekretariat der Vereinten Nationen, dort wurde gerade eine UN-Klimakonferenz vorbereitet, da klingelte das Telefon und man fragte mich, ob ich nicht Geschäftsführer des Wintergartens werden wolle,“ erinnert sich Strecker sehr genau. Er war bei politischen Großevents für die technisch-organisatorische Umsetzung mit verantwortlich. Es war keine Frage für ihn, Bonn gegen Berlin zu tauschen.

Strecker galt schon lange als Organisationstalent, er war lange im Rock ’n’ Roll-Geschäft tätig und gut bekannt mit Roncalli-Gründer André Heller und Bernhard Paul, die Anfang der 1990er- Jahre gemeinsam mit dem Berliner Kulturunternehmer Peter Schwenkow mit der Idee des neuen Varieté Wintergarten durchstarteten. Erfahrung mit Zirkus, dem Chinesischen Nationalzirkus, der jahrelang in Deutschland tourte, hatte er auch. Der Wintergarten ist diesem mit all seinen verschiedenen Artisten in wechselnden Programmen nicht unähnlich. Nur das Marketing sei radikal anders. Beim Zirkus heißt es von von null auf hundert, wenn er in eine neue Stadt kommt, um das Medieninteresse zu wecken. Im Wintergarten fühle sich das an wie ein nie enden wollender Marathon. Es sind nur zwei, drei Premieren im Jahr, auf die sich die Aufmerksamkeit der Medien konzentriert. Doch der Laden muss das ganze Jahr über voll sein.

Eigentlich wollte Georg Strecker Gymnasiallehrer werden. Das Studium hatte er abgeschlossen. Aber Mitte der 1980er-Jahre wurde von Lehrerschwemme gesprochen. Doch „hätte man damals mehr Lehrer eingestellt, wäre die Bildungsmisere nicht so drastisch, wie sie heute ist“, sagt er. In Hessen stand Strecker jahrelang auf Nummer drei der Warteliste für eine Stelle in den Fächern Sport und Englisch. Dann setzte er der Warterei ein Ende, machte Jobs, mit denen er sich schon das Studium finanziert hatte: Er fuhr Lkw und arbeitete als Bühnenhelfer: „Das sind die Jungs, die das Zeug von den Trucks auf die Bühne buckeln und dann von den Technikern der Band herumkommandiert werden.“ Trotzdem war es der Beginn seiner Karriere im Showbusiness. Möglicherweise spielte auch Streckers Geburtsstadt, das reiche und beschauliche Bad Homburg, eine Rolle. Hölderlin dichtete dort, der Pharma-Riese Fresenius, für den er Lkw fuhr, und Stiftungen des Quandt-Clans – ein Sprössling der Familie war sein Klassenkamerad – sind in Bad Homburg ansässig. Und Fritz Rau, der über Jahrzehnte führende Konzertmanager Deutschlands, lebte und arbeitete in der hessischen Stadt . Ein edles Umfeld. Da kann sich für junge Leute einiges zusammenschieben, wenn sie clever sind. Georg Stecker gehörte gewiss zu den Cleveren. Er begann bei der Konzertagentur Lippmann + Rau mit Tätigkeiten, wie Plakate falten oder Flyer verteilen, kutschierte aber auch Fritz Rau selbst durchs Land. Strecker erinnert sich gut an das alte Autotelefon mit all seinen Tücken. Er arbeitete sich bis zum Tourneeleiter für Konzerte hoch. Mit gewissem Stolz erwähnt er, dass er der letzte Tourneeleiter war, der von Fritz Rau noch persönlich in diesem Geschäft angelernt wurde. Die ganz großen Acts in dieser Zeit, wie Madonna oder Lionel Richie, waren für ihn höchstens mal aushilfsweise dabei, die hatten sich die erfahreneren Tourneeleiter-Kollegen geschnappt. Er war mit Konstantin Wecker, Rainhard Fendrich und anderen damals noch nicht so bekannten Künstlern unterwegs. „Das hatte den Vorteil, dass wir 30 bis 40 Konzerte am Stück hatten, da hatte man für gutes Geld viel zu tun.“ Konzerte boomten, die Branche wuchs. Strecker kam zum Chinesischen Nationalzirkus, der von André Heller in Deutschland initiiert wurde. Keiner seiner Kollegen wollte den Produktionsleiter-Posten übernehmen. „Sie waren alle Rock ’n’ Roll-Freaks und meinten: ‘Zirkus, ne‘,“ erinnert er sich. Fünfeinhalb Jahre war er auf Tour. – „Eine tolle, erfolgreiche Zeit“, wie er sagt. Schade fand er nur, dass die chinesischen Artisten immer abgeschirmt wurden. Denn er hätte gern etwas chinesisch gelernt.

Nützten ihm heute als Wintergarten-Chef die Kontakte zu den Künstlern, mit denen er arbeitete? „Udo Lindenberg kennt mich noch. Konstantin Wecker sicher auch, aber unsere Wege kreuzen sich nicht mehr”. Das ist normal, findet Strecker, dessen Devise es immer war, die Künstler zu respektieren und sie auch einmal in Ruhe zu lassen: „Sie müssen nicht ewig bemuttert werden. Man muss ihnen nur die beruhigende Gewissheit vermitteln, dass alles gut läuft. – Ich bin ihnen nicht unter die Haut gekrabbelt.“

Nach dem Zirkus kamen die Politik und die Wirtschaft. Denn auch dort sind Soundsysteme und Veranstaltungsmanagement gefragt. Strecker arbeitete unter anderem für die 1. Hauptversammlung der Deutschen Telekom AG und das Klimasekretariat in Bonn, bis ihm schließlich der Geschäftsführerposten im Wintergarten angeboten wurde. „Ich bin – was es heute nicht mehr häufig gibt – ein Generalist. Ich bin auf keinem Gebiet ein Spezialist, aber ich habe Kenntnisse auf vielen Detailgebieten“. Georg Strecker weiß, wie Dinge zusammenhängen, hat einen Blick für Strukturen und fürs Organisieren. Und er wisse auch, wie sich Dinge verzahnen müssen, damit das große Ganze funktioniert. Aber lernen könne man diese Gabe nicht. Woher er sie habe? „Ich glaube,“ so der Mittsechziger, „die habe ich schon mit der Muttermilch eingesogen. Ich komme aus einer katholischen Großfamilie und war das neunte von neun Kindern.“ Und vom Vater, der Verwaltungsjurist war, hat er auch einiges mitbekommen, ob er wollte oder nicht. Gerade im Umgang mit Behörden: „Immer Ruhe bewahren, auch wenn sich ein Schreibtischhengst noch so aufspielt“.

Und wo findet er Ruhe? Zeitunglesend in einem belebten Café. Das könnte er stundenlang machen. Und dabei kommen ihm sicher auch neue Ideen, zum Beispiel für einen zweiten Teil der derzeit erfolgreichen Wintergarten-Show „2020 – Die 20er Jahre Varieté Revue“.

Martina Krüger

 

82 - Frühjahr 2020