Design kritisch Form follows culture

Mit der Ausstellung „Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine“ sollte die Robotik im Alltag thematisiert werden [Foto: Niedermann]

„Gutes Design“, so lautet ein prominenter Satz, „ist unsichtbar“. Darum denkt man in der Regel auch nicht darüber nach. Aber genau das muss sich ändern, sagt Mateo Kries. Der Leiter des Vitra Design Museums fordert kritisches Denken im Design und spricht über Verantwortung und Konsum. 

Herr Kries, Sie halten es für notwendig, möglichst vielen Menschen ein kritisches Bewusstsein für Design und Architektur in ihrem Lebensumfeld zu vermitteln. Worauf genau ist dabei zu achten?

Es gibt keine Regeln. Aber jedwedes Produkt und designte Prozesse sind mit Konsequenzen für uns alle verbunden. Sich über die Produktionsprozesse und deren Wirkungen klar zu werden, gehört zur Verantwortung von Designern, aber natürlich auch von jedem Einzelnen.

Hat für Sie der Alltagsumgang mit Design auch eine moralische Komponente?

Auf jeden Fall. Es ist Bestandteil der Alltagsethik, sich die Frage zu stellen, welche Konsequenzen von Produkten für einen selbst und für die Gesellschaft zu erwarten sind. „Gutes Design“, so lautet ein prominenter Satz, „ist unsichtbar“. Darum denkt man in der Regel auch nicht darüber nach. Aber genau das muss sich ändern.

Geht es um Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist der zentrale Begriff, er ist strategisch der wichtigste Begriff, wenn er nicht auf ein Label und auf Greenwashing reduziert wird.

Welche Fragen sind noch wichtig?

Weiterhin bedeutsam sind Aspekte der Datensicherheit. Nicht nur die Mobiltelefone, sondern immer mehr Geräte des Alltags sind mit Chips ausgestattet, die persönliche Daten abrufbar machen. Es ist auch eine individuelle Frage, wie und ob man sie benutzt oder ob man jedes mögliche Angebot blind konsumiert.

Ihr Prinzip ist „Form follows culture“. Was genau wollen Sie damit aussagen?

Wie kann Design dazu beitragen, die Welt diverser zu machen, ist eine signifikante Frage. Die Überlegung muss sein: Für wen sind Dinge gestaltet? Bisher stand der weiße westliche Mann im Zentrum designerischen Denkens. Heute muss man aber fragen, was für wen auf der Welt praktisch, schön, angemessen, gut proportioniert ist. Nach etwa einhundertfünfzig Jahren westlich dominierter Produktherstellung und einem denkerischen und emotionalen Verhaftetsein in diesem westlichen Produktionskanon gilt es, daraus auszubrechen.

Mies van der Rohe war als Vertreter des Prinzips „form follows function“ zu seiner Zeit eine Sensation und etablierte in den frühen Zwanzigern ein neues Denken. Das revolutionäre Element verflachte aber sehr schnell und reduzierte sich bald auf formale Aspekte.

Wie stellt sich das Vitra Design Museum der Debatte um kulturelles Umdenken?

Wir haben die Aufgabe, das was im Design passiert, auch abzubilden. Viel zu oft ging es um die europäische Perspektive. Wenn man sich mit den globalen Entwicklungen befasst, entdeckt man Hochspannendes.

Zum Beispiel entwickelt sich in afrikanischen Ländern wie Tansania, Kenia oder Simbabwe in den Großstädten rasant eine Start-Up-Szene, von denen wir Europäer lernen können. Im Alltagsprozess mit digitalen Medien gibt es bedeutende Innovationen bei der Entwicklung und Anwendung von Apps zum bargeldlosen Zahlungsverkehr. Das war eine Existenznotwendigkeit, weil viele Menschen gar kein Bankkonto besitzen.

Wie lässt sich die Designentwicklung der letzten zehn Jahre beschreiben?

Zehn Jahre sind zu kurz gegriffen. Aber seit zwanzig Jahren etwa gibt es ganz klar diese Abwendung vom Objekt, wenn über Design diskutiert wird. Statt primär um die Gestalt geht es um Prozesse, Technologien und Verantwortung. Seit 2000 etwa hat sich der Blick total verändert. Begriffe wie soziales oder kritisches Design bestimmen diese Wende. Fragen des Wegwerfens, Vermüllens bzw. des Recyclings werden immer wichtiger. Dazu kam das Smart Home, die umfassende Digitalisierung des Zuhauses als Konzept, das von vielen Designern sehr kritisch reflektiert wurde.

„Smart Home“ nimmt an Fahrt zu trotz kritischer Gegenmuster wie „Handmade“.

Ja, aber es wurde sehr früh von Designern gefragt, „Brauchen wir das, ist es ein Fortschritt und für wen?“ Die kritische Begleitung ist so wichtig, da enorme wirtschaftliche Kräfte diese Entwicklung vorantreiben – ein Kampf wie David gegen Goliath. Man darf diesen Prozess nicht allein den Interessen der großen Wirtschaftsakteure überlassen.

Die Ausstellung „Hello, Robot.“ im Vitra Design Museum war ein Publikumsmagnet. Was ist denn der sympathischste Gedanke an die zukünftigen Roboter?

Sympathisch? Notwendig sind robotische Technologien zum Beispiel in der Medizin. Roboter in der Produktion werden zum Wegfall menschlicher Tätigkeit führen, aber auch neue Jobs ermöglichen. Die wichtigste Forschungsfrage der letzten dreißig Jahre ist der Schnittstelle bzw. der Kooperation zwischen Mensch und Roboter gewidmet. Es ist ein entscheidender Sicherheitsaspekt allein schon ob der Gewichts- und Größendimension. Eine neue Sensorik macht diese Kooperation jetzt schon möglich.

Was werden Sie demnächst im Vitra Design Museum zeigen?

Im Herbst lassen wir unsere aktuelle Schau Corona-bedingt weiterlaufen, aktuell sitzen wir noch an der Vorbereitung für die Ausstellungen 2021.

Ein Museum befasst sich wesentlich mit historischen Artefakten: Was kann man aus dem Umgang mit diesen Produkten für die Zukunft lernen? Was interessiert Sie gerade?

Sehr spannend ist das DIY-Prinzip. Designer bauen nicht mehr das fertige Produkt, sondern liefern den Entwurf und die Bauanleitung. Der Vorteil von do it yourself besteht vor allem darin, dass nicht mehr massenhaft Gegenstände um die Welt reisen müssen. Verkehrswege werden eingespart. Eine andere Sache ist die Auseinandersetzung mit Kunststoff. Das Material aus den Fünfzigern hatte bekanntermaßen nicht nur positive Effekte, aber es wird auch zukünftig gebraucht werden. Es werden Bio-Kunststoffe, mit neuen Materialeigenschaften entwickelt sowie passgenaue Recycling-Strategien.

Eine Wohnung unterliegt einem steten Wandel. Ist das ein Satz, den Sie bejahen würden?

Ja, weil das Leben selbst sich ständig wandelt. Wir haben das gerade in den letzten Monaten erlebt, die Wohnungen wurden zu Arbeits- und Sportstätten. Es geht dabei nicht darum, alle zwei Jahre Schränke, Betten und Sofas auszutauschen, was ja auch enormes Geld kosten würde. Funktionen müssen angepasst werden. Vor allem aber die Dinge dazwischen, die das Lebendige einer Wohnung ausmachen, sollten sich über die Lebensphasen hinweg und ruhig auch saisonal verändern.

Was haben Sie zuletzt Ihrer Wohnung hinzugefügt?

Eine skandinavische Wandkonsole für den Eingangsbereich, die schwierigste Zone, erst recht in einer Berliner Wohnung. Der Flur ist schmal und hoch. Es ist ein U-Profil aus Holz, welches an die Wand geschraubt wird. Sehr schlicht.

Danke für das Gespräch.

Anita Wünschmann

 

83 - Sommer 2020
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