Fest der Entgrenzung

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Yayoi Kusama – eine Retrospektive im Martin-Gropius-Bau mit dem Titel: „A Bouquet of Love I Saw in the Universe“

Nach langem Lockdown konnte der Martin-Gropius-Bau mit der überwältigenden Retrospektive „Yayoi Kusama“ wieder öffnen. Auf knapp dreitausend Quadratmetern wird ihr Oeuvre - Malerei, Installationen, Skulpturen-Objekte - aus über siebzig Jahren Schaffenszeit ausgebreitet und  dabei in acht Kabinetten einstige Ausstellungen mit Hilfe von Archivdokumenten nachgestaltet, um ein tiefes Verständnis des Kunstdenkens der inzwischen zweiundneunzigjährigen Weltrangkünstlerin aus Japan zu ermöglichen. Mit ihren berühmten Punkten, den „Polka Dots“, mit Spiegeln, Netzstrukturen, wuchernden Phallusgebilden oder Reihen von Kürbissen erschafft die japanische Künstlerin ihre endlos wirkenden suggestiven Bilder und Räume. Ein neuer, Unendlichkeit suggerierender Spiegelraum in leuchtenden Farben, eines von Yayoi Kusamas Markenzeichen, wurde speziell auch für die Berliner Ausstellung geschaffen sowie sechzehn bis zu elf Meter hohe pinkfarbene Tentakeln mit schwarzen Punkten für den Lichthof des Hauses.

Alles wächst, wuchert, breitet sich aus.  Sie nennt es selbst  Ansammlung - wie auch die Installation eines Holzboots angefüllt mit amorphen, aus Textil genähten Penissen (Aggregation: One Thousand Boats Show, New York, 1963).

Zu den Akkumulationen als gestalterisches Prinzip gehören beispielsweise auch die „Macaroni-Bags“, Handtaschen mit aufgeklebten und mit goldener Farbe übersprühten wagenradförmigen Nudeln, die 1966 bei Louis Vuitton vermarktet wurden. Grenzfreies Arbeiten meint eben nicht nur das Eintauchen in ein durch Punkte und Strukturen geschaffenes Paralleluniversum sondern auch grenzübergreifendes Arbeiten: Kunst und Mode - alles ist möglich. 1966 gründete Kusama ihr eigenes Modelabel.

Yayoi Kusama wurde 1929 in der Kleinstadt Matsumoto im japanischen Kaiserreich geboren. Umgeben von Blumen- und Kürbisfeldern des Saatgutbetriebs der Familie wuchs sie auf. Ein Katalog-Foto zeigt die Künstlerin, deren Eltern die Leidenschaft der Tochter für Malerei verhindern wollten, als zehnjähriges Mädchen mit tiefem, vielleicht melancholischen Blick und riesigen Chrysanthemen. Die goldenen Herbstblumen gelten in Japan als kaiserliches Symbol und Zeichen der Unsterblichkeit. Das frühe s/w-Foto wirkt angesichts des immensen Interesses an der Kunst Kusamas daher wie eine frühe Prophezeiung.

Ihr künstlerischer Durchbruch gelang mit ihrer Umsiedlung 1958 nach New York in den Sechzigern.  Zuvor hatte sie eine Ausbildung in traditioneller japanischer Malerei absolviert und mit kleinformatigen Zeichnungen, die  Kusama in ihrer ersten Ausstellung 1952 überbordend gehängt hatte, schon Aufmerksamkeit erworben.  Im „Haifischbecken“ New York, wo sie sich gegen ihre männlichen Künstlerkollegen wie etwa Andy Warhol durchsetzten musste,  gelang der Durchbruch mit Happenings im Central Park. Sie avancierte schließlich mit ihrer Leidenschaft fürs Universum, das sie künstlerisch mit Gemälden wie „Infinity nets“ zu durchmessen versuchte, zur Ikone der New Yorker Kunstszene.

Eines der berühmtesten Spiegelkabinette wiederum,  der „Infinity Mirrors Room – Phalli’s Field“, ist eine raumgreifende Inszenierung von 1965. Phallusartige Gebilde mit roten Punkten überwuchern den Boden. Sie selbst im roten Dress mittendrin. Die Arbeit changiert zwischen Alptraum und Sexappeal.

Später lebte sie auch in Europa und hatte außer Ausstellungen in den Niederlanden und Italien 1960 ihre erste Einzelschau für deutsches Publikum in Leverkusen.

Was exotisch und in seiner  Dimension geradezu suggestiv wirkt und gerade in den experimentierfreudigen Sechzigern Power und Eigensinn ausgestrahlt hat, ist hinsichtlich der Formen, derer sich Yayoi Kusama bedient, universell: Punkte, Blüten, Zell- und Netzstrukturen, Früchte und  Phallus. Die „Polka Dots“ beherrschen schließlich eine ganze Schaffenszeit. Punkte auf Leinwand und Papier, Punkte auf der Kleidung, auf dem eigenen nackten Körper oder auf den Leibern der Happeningsteilnehmer.

Warum denn eigentlich „Dots“ in dieser Überfülle zumal? „Polka Dot“, das waren doch Muster auf Petticoatröckchen und Rock’n Roll-Dekor in den Fünfzigern und Micky Maus und, ja erst recht auch Marilyn Monroe, also Lifestyle made in USA? Kusama mag von der fröhlichen Frechheit der großen Punkte inspiriert worden sein oder/und vom roten, den Sonnenaufgang symbolisierenden  Punkt auf Japans Flagge. Sie selbst schrieb 1968 in einem Brief an Richard Nixon anlässlich des Vietnam-Krieges, der gerade auch in New York immer stärkere Massenproteste auslöste: „Die Erde ist ein Polka Dot unter Millionen andere Himmelskörper, eine Umlaufbahn voller Hass und Streitigkeiten inmitten der friedlichen Sphären. Lassen Sie uns all dies ändern und diese Welt zu einem neuen Garten Eden machen!“ Und noch heute, mit über neunzig Jahren, malt die Künstlerin, die seit fast fünfzig Jahren in einer Tokioter Klinik für Nervenkrankheiten lebt, leidenschaftlich und meditativ zugleich. Es ist auch eine Bändigung der visuellen Halluzinationen, die sie seit Kindertagen heimsuchen. Vier Gemälde waren gerade in Arbeit, erzählt Stephanie Rosenthal, Direktorin des Martin - Gropius - Baus.  Sie hat  die Ausstellung initiiert und die Künstlerin noch vor wenigen Monaten in Japan  besucht.

Anita Wünschmann

 

Information

Yayoi Kusama: Eine Retrospektive
A Bouquet of Love I Saw in the Universe
Mi bis Mo 10:00–21:00
Di geschlossen

 

85 - Frühjahr 2021
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Kultur