Geisterhafte Wirklichkeit – Ost-Berlin in den Achtzigern

Bergstraße in Mitte, Ost-Berlin [Fotos: Günter Steffen]

Am Vorabend des 9. November 2021 eröffnete die legendäre Berliner Fotogalerie von Norbert Bunge „argus fotokunst“ die Ausstellung „Die Hauptstadt – Ost-Berlin in den Achtzigern“ mit Schwarz-Weiß-Fotografien von Günter Steffen. Zeitgleich erschien zur erstmaligen öffentlichen Präsentation seiner beindruckenden Bilder das gleichnamige Buch mit einer Auswahl prophetischer Texte des russischen Schriftstellers Jewgenij Samjatin aus seinem 1920 geschriebenen Roman „Wir“.

Günter Steffen streifte zwischen 1984 und 1989 meistens in den frühen Morgenstunden durch scheinbar unberührte und leere Straßen, Plätze, Hinterhöfe, Ruinen und an der mons­trösen Berliner Mauer entlang. Diese oft traurige, geheimnisvolle und geisterhaft wirkende Atmosphäre der Motive wollte er mit seiner Kleinbildkamera festhalten. Sie waren für Günter Steffen Zeugnisse damaliger Lebensgefühle wie Hilflosigkeit, Zerrissenheit und Wut – eine Endzeitstimmung, auch ausgelöst durch den vielfachen Verlust von Freunden, die in den Westen ausreisten. An Veröffentlichung dieser politisch brisanten Schwarz-Weiß-Fotografien war in der DDR nicht zu denken. Dafür hätte Steffen andere Motive auswählen, die Errungenschaften des Sozialismus in der DDR illustrieren müssen. Das wusste er und dennoch blieb er beharrlich seiner Intention treu, als Zeitzeuge die morbide und auch melancholische Vergangenheit der Mitte Ost-Berlins zu dokumentieren und so vor dem Vergessen zu bewahren. Günter Steffen erahnte in diesen Jahren das desaströse Ende des „ersten Arbeiter- und Bauernstaates“ nicht und auch nicht, dass er mit seinen Bildern eine verschwindende Welt und letztlich eine gescheiterte Utopie konserviert.

Dieser Untergangsstimmung in Steffens Fotografien stehen im Buch Textfragmente von Jewgenij Samjatin gegenüber, der als kongenialer Vorläufer weiterer politisch brisanter Autoren wie Aldous Huxley und George Orwell gilt. Samjatins alptraumartige Beschreibung eines brutalen Diktators und seines totalitären wie seelenlosen Überwachungsstaates, in dem Menschen ausschließlich mit Nummern nach einheitlichen Regeln zu funktionieren haben, führte zum Verbot des Romans in Sowjetrussland. Zuerst 1924 von Exilanten in New York in englischer und später in französischer und tschechischer Übersetzung veröffentlicht, durfte der im gesamten Ostblock auf dem Index stehende Roman erstmalig 1988 unter Gorbatschow in der Sowjetunion erscheinen.

Über 60 Jahre liegen zwischen der Entstehung von „Wir“ und den Fotografien von Günter Steffen; über 30 Jahre seit dem Fall der Mauer. Die erstmalige Foto-Text-Kombination in Deutsch, Englisch und Russisch lässt einen kongenialen und politischen Assoziationsraum entstehen, der das Vergangene im Heute spiegelt und besonnenes Nachdenken über unsere aus den Fugen geratene Welt freisetzt. Kurz: ein Plädoyer für Demokratie und die Freiheit von Kunst und Kultur.

Günter Jeschonnek

 

Information
Günter Jeschonnek ist Initiator des vom Hauptstadtkulturfonds geförderten Projekts und Herausgeber des Buches, Ausstellung bis 18.12.2021: Galerie „argus fotokunst“, Marienstraße 26, 10117 Berlin, Mittwoch-Samstag 14 – 18 Uhr

Die Hauptstadt – Ost-Berlin in den Achtzigern
Fotografien: Günter Steffen,
Texte: Jewgenij Samjatin
Buchgestaltung: Andreas Koch
www.hartmann-books.com, € 38,–

 

87 - Winter 2021/22
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