Newton zum 101.

Helmut Newton, Prada, Monte Carlo 1984 [Foto: © Helmut Newton Foundation]

Die Helmut Newton Stiftung feiert ein Jahr verspätet das Jubiläum des Ausnahmefotografen als Vermächtnis in einer großen Retrospektive.

„I am not an artist. I am a photographer.“ Das Zitat kann getrost als ausgemachtes Understatement bezeichnet werden, denn Helmut Newton war durchaus ein Künstler. Denn die Ästhetik seiner Mode-, Porträt- und Aktfotografie folgt nicht allein dem sich wandelnden Zeitgeist, verbunden mit den jeweiligen Aufträgen und Anforderungen seiner Auftraggeber. Vielmehr ziehen sich experimentelle, provokative und avantgardistische Bildideen durch sein gesamtes Werk und haben einen Stil geprägt, der in der Fotografie seinesgleichen sucht. Vor allem, wenn seine Bildinszenierungen gängige Gestaltungsmuster verlassen oder konterkarieren und kulturelle Bezüge sichtbar werden, wird die Genialität des Ausnahmefotografen Helmut Newton deutlich. Insofern ist er sowohl „professioneller Voyeur“, wie er sich selbst nannte, und visionärer Avantgardist zugleich mit bleibendem Einfluss auf die moderne Fotografie. Auch wenn er hauptsächlich dafür berühmt war, die Welt der Schönen und Reichen als Inszenierung aus Erotik, Mode, Exibitionismus, Exzentrik und genüsslichem Happening in Magazinen und Fotobüchern abzubilden.

Die große Rückschau der Helmut Newton Stiftung anlässlich seines 100. Geburtstages, coronabedingt ein Jahr verspätet, erstreckt sich über die gesamte Ausstellungsfläche im ersten Stock des Museums für Fotografie und versammelt über 300 Werke, Polaroids und Kontaktbögen, Sonderveröffentlichungen und Archivalien. Sie ist insofern neu, als viele Aufnahmen zum ersten Mal gezeigt werden, im Archiv zum Teil auch erst wiederentdeckt. In sechs chronologisch angelegten Kapiteln gleicht die Retrospektive einer Zeitreise durch die Dekaden, beginnend mit den frühen Jahren, als Helmut Newton unter seinem Geburtsnamen Helmut Neustädter 1936 als 16-Jähriger seine Ausbildung zum Fotografen in seiner Geburtsstadt Berlin begann. Zwei Jahre später musste er als Jude Deutschland verlassen, ging nach Australien, eröffnete dort ein kleines Fotostudio und lernte seine spätere Frau June kennen. Mit ihr reiste er durch Europa und arbeitete für die britische Vogue. Berühmt wurde er in den 1960er-Jahren, nachdem er mit seiner Frau auf Einladung der französischen Vogue nach Paris umgezogen war. In Paris fand er seinen unverwechselbaren Stil und avancierte zu einem der innovativsten Modefotografen. In Zusammenarbeit mit den einschlägigen Magazinen und berühmten Modehäusern entstanden Aufnahmen, die nie vordergründig waren, die Modelle fast immer so in Szene gesetzt, dass sie den Zeitgeist mitinterpretierten oder als Fetische fungierten. In den 1970er-Jahren begann Newton dann, seine Mode- und Aktbilder auch in Museen und Galerien auszustellen und es entstanden jene surreal und expressiv anmutenden Bilder, die zu Bildikonen wurden.

Für Skandale sorgten in den 1980er-Jahren seine Aktserien „Naked and Dressed“ und „Big Nudes“. Nacktaufnahmen in Lebensgröße zu zeigen, hatte bis dahin kein Fotograf und keine Fotografin gewagt. Ohnehin musste Newton sich längst dem Vorwurf der Frauenfeindlichkeit erwehren, den beispielsweise die Feministin Susan Sonntag 1979 in einem öffentlichen Gespräch gegen ihn erhoben hatte. In den 1990er-Jahren arbeitete Newton dann meist in Monte-Carlo, Berlin, Paris und Miami für Modedesigner, immer seltener für Magazine, hauptsächlich zugunsten von Werbekampagnen und Museumsausstellungen.
Anlässlich seines 80. Geburtstages wurde er schließlich 2000 in der Neuen Nationalgalerie mit einer großen Retrospektive geehrt. Die aktuelle Ausstellung „Helmut Newton. Legacy“ schließt in gewisser Weise daran an, erweitert sie aber noch um Notizbücher, Polaroids und Kontaktabzüge aus dem Stiftungsarchiv für Einblicke in die Arbeitsweise des wohl kreativsten, ungewöhnlichsten, umstrittensten und einflussreichsten Modefotografen aller Zeiten.

Reinhard Wahren

 

87 - Winter 2021/22
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