Am Schreibtisch zu Hause – Von Möbeln und Sitten

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Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat herausgefunden, dass jeder Dritte gern von zu Hause aus arbeiten würde. Kein Arbeitsweg, mehr Ruhe und den Alltag besser im Griff. Für jeden Achten ist dies bereits möglich. Über die Vor- und Nachteile wird in diesen Zeiten viel diskutiert. Die Katze auf dem Laptop ist dabei noch das romantischste Bild.

Homeoffice gehört jetzt schon zu den meist benutzten Wörtern des Jahres 2020. Auch wenn es das Arbeiten am Schreibtisch zu Hause schon lange gibt, fanden doch etliche freie Berufe ihre Verwirklichung im Homeoffice. Jedoch erst das technikbasierte komplexe Arbeiten von zu Hause, das die Teilnahme an Konferenzen und kooperatives Denken und Gestalten auf Distanz einschließt, macht das Tätigsein zu Hause zum heutigen „homeofficen“. Ja, so ist selbst ein Verb inzwischen umgangssprachlich abgeleitet worden. Es findet am Küchentisch, relaxt auf dem Sofa oder zumeist vermutlich an einem Schreibtisch statt. Und neben den technischen Ausstattungen samt Software gehören zunehmend auch praktikable und schöne Möbel von Tisch über Stuhl bis Regal oder Aktenschrank dazu.

Claudia Böhm, Referentin für Hochschuldidaktik an der Technischen Universität Dresden, berät Lehrkräfte der verschiedenen Fachrichtungen, wie Lehrveranstaltungen per Homeoffice und digitales Studieren gut funktionieren können. Sie selbst hat sich ein kleines Kabuff, eine einstige Speisekammer, zum Arbeitsplatz umfunktioniert. Was ist ihr wichtig? Als Erstes, so sagt die knapp Dreißigjährige: „Gute Luft und Licht, am besten Sonne!“ Hell muss es also sein! Der Raum ebenso wie die Möbel. Mit einem „Blick auf die Wand“ fiele es ihr deutlich schwerer zu arbeiten. Dazu ein großflächiger Schreibtisch und ein hochlehniger Bürostuhl, mit dem es sich obendrein auch kippeln bzw. wippen lässt. Dabei muss alles klar strukturiert sein: Boxen für die Reservetechnik, der Kabelsalat, irgendwie kaschiert. Ihr Wunsch sei ein höhen­verstellbarer Tisch, an dem man nach Stunden des Sitzens auch im Stehen agieren kann. Ein Start-up-Berater sagt, er könne auch auf einem Gymnastikball sitzen und arbeiten. Absolute Ruhe und perfekte Technik sind das A und O.

Das Homeoffice verbindet in der Regel die offizielle Seite per Internet mit jener privaten, die mit dem Zuhause verbunden wird. Jeder lebt seinen Stil nach Geldbeutel und Bedarf, nach Raumgröße und Rückzugsmöglichkeit.

Klein aber fein ist zum Beispiel der preisgekrönte Schreibtisch „Lopp“. Er möchte gesehen werden, obwohl er sich fast unsichtbar macht. Allein die auf den Kopf gestellten Y-Füße geben der im ganzen puristischen Anmutung den Hinguckeffekt. Die für Noti entworfene Lopp-Kollektion – Schreibtisch, Sekretär, Toilettentisch – erhielt sogar einen Design Award.

Schreibtische sind heute eher im Format von Stehpulten und Sekretären zu finden – ein Weniges an Platz für eine minimalisierte Technik. Sie stehen oder hängen an der Wand, sie akzentuieren große Räume oder finden ihre Nische im Kleinen. Sie zeigen sich als Kasten mit und ohne Schubladen, ähneln zuweilen zusammenklappbaren Schrank-
koffern oder brillieren in Wellenform wie der „Twist“. Sie erinnern an Synthesizer, wie das Modell Hortense, oder an schlichte Borde.

Auch das für De Padova entwickelte Schreibmöbel „Reflex“ benötigt wenig Platz und bietet Arbeitsfläche und Stauraum in der Anmutung eines etwas groß geratenen Brotkastens. In der Verschränkung von Rolladenmöbel und Rollcontainer ist er ebenso witzig wie praktisch. Derweil ist es der Schreibplatz „Punt“ von Mario Ruiz aus Spanien, der mit seinen hochgezogenen Seiten Abschirmung zur Umgebung und somit ein Mindestmaß an Ruhe und Konzentration zu ermöglichen verspricht. „Punt“ lässt sich wie ein Bord an die Wand schrauben oder auf ein Gestell montieren. Der Platz reicht nur für einen Laptop und vielleicht zwei Stifte. Dafür sieht das schmale Möbel sehr stylish aus, zumal in der Variante aus dunkelgrau gebeizter Eiche mit beschichtetem Aluminium in Gold für die inneren Oberflächen.

Zu den schlichten MDF-Arbeitsplatten auf Böcken oder den großflächigen Klassikern wie etwa Egon Eiermanns Schreibtisch mit seinem filigranen Metallrohrgestell samt stabilisierendem großen X als Erkennungsmerkmal haben sich also mannigfaltige smarte Typen hinzugesellt. „Nubo“ und „Pom’s“ von Ligne Roset oder „Lillasen“ von Ikea. Mehr Platz und immerhin auch drei Schubfächer bietet etwa „Cupertino“ von Boconzept.

Auf welchen Erlebnisschatz kann man für das Arbeiten zu Hause eigentlich zurückgreifen? Wo und wie haben Eltern oder gar Großeltern gearbeitet? Mit welchen Möbeln ist man womöglich seit seiner Kindheit vertraut? Da wäre zum Beispiel der Richard-Riemerschmid-Schreibtisch des Großvaters, auf dem immer eine Reiseschreibmaschine griffbereit stand, dazu gespitzte Bleistifte der verschiedenen Stärken. Oder das kleine Herrenzimmer vollgestopft mit Büchern. Gearbeitet wurde an einem Werkbund-Sekretär, hölzern, kantig, schlicht, der mit seiner klappbaren Schreibplatte nebst den etlichen Geheimfächern faszinierte. Eine Generation später: Der Esche-Schreibtisch mit den stilgebenden Schubfächern, den Franz Ehrlich für die Deutschen Werkstätten Heller 1957 entwickelt hatte. Der 602, so seine Typenbezeichnung, stand frei im Raum mit Blick auf einen riesigen Nussbaum. Seltsamerweise wurde er nach einem Domizilwechsel von einer Biedermeierschönheit abgelöst. Aber ein „Sechsnullzwei“ verschwindet nicht einfach. Er zog Jahre unters Dach und steht heute im Homeoffice der Enkelgeneration mitten im Prenzlauer Berg. Die Autorin selbst verbrachte die Studienzeit erst an einem kapriziösen antiken Tischchen, auf dem der Platz schnell knapp wurde – ein Staubfänger mit dem typischen gründerzeitlichen Formenüberschuss, der in den Achtzigern etliche Studentenbuden belebte. Damals wäre die Schalte, die Videokonferenz in Echtzeit als Hirngespinst abgetan worden. Heute agiert jeder in seinem Bildschirmkämmerchen oder Fenster und muss ein Gefühl für seinen Einsatz entwickeln. Ein bisschen voyeuristisch gelingt dabei der Blick ins Interieur. Homeoffice bedeutet eben auch, dass das heimelige Kokon, ein Guckloch nach draußen bzw. eines nach innen freilässt.

Anita Wünschmann

 

82 - Frühjahr 2020
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