Arte Povera aus Bayern

Mit einer einfachen und alten Papiertechnik lassen sich ganze Räume verwandeln [Foto: Andreas Hoernisch Photographie ]

Die Münchner Kostümbildnerin Eva Kantor schmückt nach Art der Decoupagen Möbel und Accessoires kunstvoll mit Motiven aus Papier. Es ist schon eine kleine Weile her, da bekam Eva Kantor einen alten Medizinschrank geschenkt. Da die sympathische Frau mit den Locken immerzu Schönes mit ihren Händen schafft und zudem mit einer ausgeprägten künstlerischen Begabung gesegnet ist, stand dem praktischen Schrank eine Verwandlung bevor. Eva Kantor verpasste ihm ein farbenfrohes papiernes Innenleben mit Che-Guevara-Motiven, beklebte ihn rundum mit Blütenbildern und strich ihm die Füße rot an. Am Ende überzog sie sein neues freches Kleid mit klarem Lack. Fertig war die Decoupage.

Decoupage ist Ausschneidetechnik aus Papier. Die Motive werden auf Möbeln und Accessoires aufgebracht. Wahrscheinlich haben schon die alten Chinesen solche Klebearbeiten gemacht. In Europa erreichte die Fertigkeit im 17. und 18. Jahrhundert ihren Zenit. War es doch billiger, bereits fertige Zeichnungen oder Drucke auszuschneiden und auf Möbel zu applizieren, statt sie von Malern original auftuschen zu lassen. Arte Povera hieß die Kunst der Armen; irgendwie konnte das ja jeder, ohne gleich ein Künstler zu sein.

Am Hof der französischen Königin Marie Antoinette sollen für Decoupagen sogar erotische Malereien des Malers Fragonard zerschnitten worden sein. „The Ladies Amusements“ hieß der Zeitvertreib adliger Damen in England. Noch heute versieht die dänische Königin Margrethe Papierkörbe und allerlei Schächtelchen mit einem Patchwork verrückter Utensilien und Personen, die sie aus ihren ausgelesenen Kunstkatalogen schnippelt. Das ist Eva Kantors Sache nicht. Sie macht auf Flohmärkten Jagd auf Möbel und Motive. Beutestücke nennt sie darum ihre fertig dekorierten Unikate: „Ein Suchen und Finden von Möbeln, die es wert sind, neu belebt zu werden.“ Gern setzt sie auch die besonderen Wünsche ihrer Kunden um.

Die Stücke sind fantasievoll schön, fast etwas märchenhaft, wie in ihrem Zuhause überall zu sehen ist. Der Besucher streicht durch ein begehbares Bilderbuch, taucht ein in ein wärmendes Farbenreich. Dafür stehen die weltkartenumspannte Küche mit dem moosgrünen Schrank und den blauen Blumenbäuschen auf schwarzen Stühlen. oder die mangofarbenen Wände, auf denen weiße Papageien hocken; dazu ein buntes Hockersammelsurium voller Blüten und Marien.

Schwarz und Bleu und lichtes Flieder finden sich an den Wänden, davor Stillleben voll erblühten Papavers, Goldhasen, Massaischmuck und schillernde Insekten auf goldenen Tellern. „Alles geht nahtlos ineinander über“, schwärmt Eva Kantor. „Langeweile gibt es bei mir nie.“ Die Gestalterin mit den zwei Berufen genießt ihre Künste. Als Kostümbildnerin ist sie Teamplayer. Das Zuhause gehört ihr. „Da redet mir keiner rein.“ Künstlerin nennt sie sich trotzdem nicht. Sie ist bescheiden.

Die Mutter von vier Kindern, die inzwischen aus dem Hause sind, ist oft monatelang in Filmprojekte verstrickt. Kommt sie vom Filmset nach Hause, freut sie sich auf ihr Rückzugsgebiet. Das befindet sich in München in einem Mehrfamilienhaus in luftiger Höhe. Ihr Arbeitstisch ist übersät mit Stiften, Papier und Motiven. Eine betagte Leuchte streut warmes Licht auf die Kunsthandwerkerin, die über die Arbeitsplatte gebeugt auf einem Stuhl sitzt, über den Lurche kriechen. Das Atelier gleicht einem begehbaren Bilderbuch. Die goldgelbe Küche ist ein Sammelsurium an Gläsern und Töpfen.

Das Esszimmer mit dem Refektoriumstisch und dem kunterbuntem Schüsselallerlei, das satte Gelb der Wände, das Rot der Stühle und die flackernden gelben, roten und fliederfarbenen Friedhofsleuchten, die Eva Kantor von einem Dreh in Kroatien mitbrachte, entfachen ein ordentliches Feuer im Raum.

Längst reißen ihr die Interessenten die Stücke aus der Hand, kaum dass der Lack getrocknet ist. Vor Auftragsarbeiten kann sie sich kaum retten. Was ihr nicht gefällt, lehnt sie ab. Ihre Objekte sind hauptsächlich Möbel mit Geschichte. Aber sie überzog auch schon Wände und die davor stehenden Möbel zugleich. „Das wirkt dann wie ein Bühnenbild.“ Kinderzimmer werden bei ihr zum Dschungel. Auf den Wänden toben auch schon einmal Affen.

Vögel liebt Eva Kantor ganz besonders. Vögel, Schmetterlinge und Blattranken waren auch das erste, was sie über die Türrahmen des Hauses im Osten der Stadt malte, in dem sie einst mit ihrem Mann Benny und den damals noch kleinen Kindern wohnte. Ihre Käfer- und Schmetterlingsmotive nennt sie „Tierjuwele“ – kleine Liebeserklärungen an die Natur, aber auch an manches schon abgeliebte Möbelstücke.

„Da ist viel Seele drin“, hat eine ihrer Freundinnen zu ihr gesagt. Bei Eva Kantor kommen und gehen die Möbel. Am Anfang sind sie nackt wie einst vom Tischler geschaffen.

Inge Ahrens

 

83 - Sommer 2020
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