Auto News von Reinhard Wahren: Kampf der Reichweiten

Tesla Model S Plaid - Skizze [Foto: Tesla © 2021]

Im Rennen um die markttauglichsten E-Autos erscheint die Reichweite der Fahrzeuge immer mehr als das Maß aller Dinge. So setzen die führenden Autobauer alles daran, ihre Modelle vor allem mit leistungsstarken Batterien auszustatten. Denn was nützt dem Fahrer oder der Fahrerin eine sportliche Fahrweise mit beeindruckender Beschleunigung, wenn ebenso schnell die nächste Ladesäule angesteuert werden muss?

Tesla hat den Anspruch, in punkto Elektromobilität eine Vorreiterrolle zu spielen, also nicht nur in Sachen Schnelligkeit, sondern auch im Hinblick auf die Reichweite seiner Fahrzeuge. So war es nicht verwunderlich, dass der kalifornische Autobauer seiner Limousine Model S eine entsprechende Auffrischung angedeihen lassen musste. Denn die angekündigten Reichweiten anderer Autohersteller setzten Tesla unter Zugzwang. Das Model S kommt deshalb in drei Varianten, zum Teil noch in diesem Jahr, auf den europäischen Markt. Das betrifft zumindest die Basisversion „Maximale Reichweite“ – wer immer sich diese Bezeichnung ausgedacht hat – und das Model „Plaid“. Die Version „Plaid+“ soll noch auf sich warten lassen. Bei beeindruckenden Beschleunigungen aller drei Modelle liegen die Reichweiten zwischen 630 und 660 sowie 837 Kilometern pro Stunde beim zukünftigen Topmodell.

Galt Tesla Model S bislang als reichweitenstärkste Luxuslimousine mit über 600 Kilometern, macht sich Mercedes daran, diese Latte jetzt höher zu legen. So soll der EQS über 700 Kilometer weit kommen. Dank der 800-Volt-Technik beträgt die Ladezeit für 300 Kilometer 15 Minuten. Mit einer abgeriegelten Höchstgeschwindigkeit von 210 Kilometer pro Stunde reicht der EQS zwar nicht an die Tesla-Modelle heran, deren Höchstgeschwindigkeiten bei Tempo 250 erst beginnen, doch im Kampf um die höchsten Reichweiten steht Mercedes mit dem EQS Tesla in nichts nach.

 

Porsche Taycan zeigt Spitzenleistung


Porsche Taycan 2021 mit Potenzial zum Bestseller [Foto: Porsche AG]

Der erste Elektro-Porsche war mit 260 Kilometer pro Stunde Höchstgeschwindigkeit super schnell, immerhin alltagstauglich, aber ziemlich teuer. Nicht mehr sechsstellig ist nun der neue Taycan, zumindest in der Basisversion mit Heckantrieb. Dass er so das Potenzial hat, zum Taycan-Bestseller zu werden, wie das bei Porsche behauptet wird, liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Es könnte aber auch daran liegen, dass sich der neue Taycan wie ein 911-er fährt. Weil der Akku im Fahrzeugboden den Schwerpunkt des Sportwagens nach unten verlagert, ist seine Straßenlage nahezu ebenbürtig. Zwei Akku-Größen stehen zur Verfügung, und zwar die serienmäßige Performance-Batterie mit einer Systemleistung von 408 PS und die mit 476 PS stärkere Performance-Plus-Version. Mit letzterer Batterie hat sich Porsche nun auch für die 800-Volt-Technik entschieden statt für die im Allgemeinen üblichen 400 Volt. Denn erhöht man die Spannung eines E-Auto-Bordsystems, steigt bei konstanter Stromstärke auch dessen Leistung. Besonders wichtig ist das beim Laden: Ein 800-Volt-Auto kommt theoretisch auf den doppelten Wert der Ladeleistung, ist also auch doppelt so schnell voll. Den Stromverbrauch gibt Porsche mit 28,7 Kilowattstunden pro 100 Kilometer an, die maximale Reichweite liegt damit bei 484 Kilometern. Wer auf Nummer sicher gehen will, erwirbt als neue Taycan-Sonderausstattung das 22 Kilowatt-On-Board-Ladegerät. Fünf Minuten Ladezeit genügen für weitere 100 Kilometer. Außerdem sorgt die zukünftig für alle Taycan-Modelle vorgesehene Plug & Charge-Funktion für ein bequemes Aufladen an der Säule. Nachdem das Ladekabel eingesteckt ist, startet der Ladevorgang automatisch.

Gern werden Vergleiche zu Konkurrenzmodellen bemüht, so auch zum Tesla Model S. Dessen Basisversion kommt im Vergleich zum Taycan auf 652 Kilometer Reichweite und beschleunigt in 3,8 Sekunden von Null auf Tempo 100. Der Taycan braucht dafür 5,4 Sekunden und erreicht seine Höchstgeschwindigkeit bei 230 Kilometer pro Stunde. Tesla Model S ist um 20 Kilometer pro Stunde schneller. Ausschlaggebend für die potenzielle Käuferschicht dürften indes diese marginalen Unterschiede nicht sein, denn die Spitzenwerte werden ohnehin im Alltag kaum abgerufen.

 

VWs erster Allrad-Stromer


Der ID.4 GTX ist der erste Allrad-Stromer von Volkswagen [Fotos: Volkswagen AG]

Gleiches könnte für den neuen ID.4 GTX gelten, den ersten Allrad-Stromer von Volkswagen. Während Model Y, das vergleichbare Modell von Tesla, den Sprint in 4,3 Sekunden von Null auf Tempo 100 schafft, bei 241 Kilometer pro Stunde Höchstgeschwindigkeit, braucht der neue ID.4 GTX dafür 6,2 Sekunden und kommt über die Höchstgeschwindigkeit von 180 Kilometer pro Stunde nicht hinaus.

Auch bei diesem Beispiel stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Leistungshöchstwerten bei E-Autos. Denn was nützt Schnelligkeit um jeden Preis, wenn der dazu nötige Stromverbrauch zu Lasten der Akkuleistung und damit der Reichweite geht? Vielmehr sollten auch andere Vorzüge und Qualitätsparameter bei der Kaufentscheidung eine Rolle spielen, wie beispielsweise Fahrgefühl, Sicherheit, Handling und nicht zuletzt die Optik. Abgesehen davon ist der neue VW ID.4 GTX in punkto Agilität mit 299 PS durchaus ein echter Sportler und sogar dem GTI ebenbürtig. Tiefergelegt und bei Bedarf auf Sport-Modus geschaltet, wird kaum jemand sportlichen Charakter vermissen. Im Traction-Modus werden dagegen alle Räder angetrieben, das schafft Sicherheit. In den anderen Fahrmodi schaltet der GTX automatisch auf Allradantrieb um, sobald das E-SUV auf holpriges Terrain fährt und an Bodenhaftung verliert.

 

Schlafplatz mit Aussicht


Schöner reisen mit Dachzelt [Foto: lechatnoir, istockphoto.com]

Mit dem Camping-Trend erfahren auch die Dachzelte fürs Auto eine Renaissance. Denn spontane Urlaube sind derzeit mangels der üblichen Übernachtungsmöglichkeiten in Hotels oder Pensionen erschwert. Das gilt auch für Campingplätze. Mit einem Zelt auf dem Autodach dagegen ergibt sich nicht nur eine Vielzahl von Schlafplätzen, sondern auch Abenteuerlust ist vorprogrammiert. Denn mit einem Dachzelt ist jeder öffentliche Parkplatz auch ein potenzieller Schlafplatz. Vorausgesetzt, das Zelt überschreitet nicht die Außenabmessungen des Autos und nach einer Nacht geht die Reise weiter. Ein solcher Aufenthalt gilt nicht als Campen, das im Allgemeinen nur auf ausgewiesenen Campingplätzen erlaubt ist. Beim Aufbau des Zeltes auf dem Autodach sind natürlich die zulässige Dachlast des Fahrzeugs und auch die des Dachgepäckträgers zu beachten.

 

Bulli-Troika


Ein solider Multivan für die Geschäftsreise oder den Familienausflug [Foto: Volkswagen AG]

Mit einem Multivan Urlaub zu machen oder Freizeitaktivitäten zu gestalten, ist seit der Corona-Krise so attraktiv wie nie zuvor. Außerdem setzt der Trend auch die Ansprüche an Zweckmäßigkeit und Komfort noch einmal höher. Wurde beispielsweise der Transporter lange Zeit entweder als Nutzfahrzeug oder als Bulli für die Reise angeschafft, verabschiedet sich VW mit dem neuen T7 nun von dem Entweder-oder-Angebot: „Komfort und Dimensionen eines Pkw plus Raumangebot und Variabilität eines Vans“, heißt es jetzt. Damit kreiert VW nicht nur einen neuartigen Multivan, sondern stellt sich breiter auf, lässt kaum noch Wünsche offen: Der neue T7 ist voll und ganz für den Personentransport konzipiert, der überarbeitete T6.1 bietet sich weiter als Transporter sowie als Camper in der Form des California an und wer gänzlich elektrisch unterwegs sein will, kann sich für den ID.BUZZ entscheiden. Dieser erinnert stilistisch ein wenig an den T1 Samba von 1951, soll aber erst im nächsten Jahr auf den Markt kommen.

Mit dem T7 setzt VW nicht nur die Bulli-Tradition fort, der Multivan ist mit Front- oder Allradanrieb, aber auch als Teilzeitstromer, bis 50 Kilometer weit, also in der Plug-in-Version, erhältlich. Er verfügt über sieben Sitzplätze und einen 470 Liter großen Gepäckraum. Wer die Sitze ausbaut, steigert das Ladevolumen erheblich. Zwei Schiebetüren mit elektrischer Öffnung sind serienmäßig. Ein verschiebbares Einbauteil kann als Tisch, Ablage oder Kühlbox genutzt werden.

So befriedigt das aktuelle Dreier-Konzept von VW sowohl die Bedürfnisse der Reisenden als auch der gewerblichen Nutzer und hält die Bulli-Geschichte am Leben.

 

86 - Herbst 2021
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