Für mich immer weiß!

Foto: © Beate Hansen Photography

Weiße Blusen sind ihre Spezialität. „Wenn mir morgens nach mehr ist, ziehe ich mich im Laufe des Tages doch wieder um. Farbe setze ich bei meinen Entwürfen nur ein, um das Weiße zu unterlaufen.“

Die weiße Bluse ist ein Dauerbrenner. Für manche sogar ein ständiger Begleiter. Selbst wenn sie eisblau ist oder ein Hauch von Rose ihre Faser überzieht, schimmert sie im Morgenlicht fast weiß. Zur Dämmerstunde vertieft sie ihren Ton. Sie ist lässig und kragenlos und ohne hässliche Abnäher. Ihr toller Schnitt schmeichelt der Figur. Sie wurde vielleicht aus ägyptischer Baumwolle gewebt, dann glänzt sie matt. Die Schweizerin Lis Lareida hat sie entworfen. Blusen sind ihre Leidenschaft. Ihr Name ist ihre Brand und gilt als Geheimtipp. Lareida spricht sich herum. In Berlin bei Kostas Murkudis und Purple Phoenix hängen ihre Blusen selbstverständlich zwischen den großen Labels. Lareida ist das perfekte Understatement.

„Für mich am liebsten Weiß“, betont Lis Lareida. Weiße Blusen sind ihre Spezialität. „Wenn mir morgens nach mehr ist, ziehe ich mich im Laufe des Tages doch wieder um. Farbe setze ich bei meinen Entwürfen nur ein, um das Weiße zu unterlaufen.“ Ihre Blusen treffen den Zeitgeist. Man kann sie lässig oder brav tragen, sportlich und elegant. Ihre Herkunft als Herrenhemd und alleiniges Statussymbol der Aristokraten verleugnen sie nicht. Man muss aber nicht Katherine Hepburn oder Diane Keaton heißen, um gut darin auszusehen.

Weiße Blusen von ausgesuchter Qualität, so wie Lis Lareida sie macht, sind immer modern und gerade wieder besonders: im Sommer zur knöchelkurzen Capri-Hose in frischen Bonbon-Farben, im Winter zur weiten Palazzo-Hose oder zur schwingenden Culotte. Jede Frau sieht darin frisch aus. Der Schimmer ausgesuchter Fasern gibt noch jedem Gesicht jeden Alters einen besonders hellen Flash. Weiße Blusen sind einfach immer modern, und Weiß von Kopf bis Fuß wird in diesem Sommer alles überstrahlen.

Lis Lareida wurde 1962 als Marlise Lareida im Schweizer Graubünden geboren. Ihr Atelier befindet sich im einstigen Zürcher Industriequartier Kreis 5. Die Limmat strömt hindurch. Der Hauptbahnhof ist nah. Dort, wo mal die offene Drogenszene war, wächst längst eine kreative junge Szene aus Künstlern und Handwerkern. Die malerischen Hinterhöfe mit den Galerien und Ateliers erinnern ein wenig an die Mitte Berlins.

Lis landete als Quereinsteigerin mit Ende Zwanzig in der Modebranche. Sie lernte, wie man produziert und absolvierte ein Marketingstudium. Irgendwann warb sie jemand ab, der Herrenhemden machte. Blusen hatte sie schon immer toll gefunden. Jahre später landete sie als Managerin bei einem Top-Unternehmen in St. Gallen. „Ich sage Ihnen, wenn Sie mal schöne Qualität angefasst haben, lässt Sie das niemals mehr los“, erinnert sie sich. „Ich konnte reisen, hatte freie Hand.“

Dennoch wollte sie unabhängig sein und startete 2010 mit „Lareida“ in die Selbständigkeit. Weiße Blusen aus Baumwolle mussten es sein, obwohl gerade Stretch angesagt war. „Blusen habe ich schon immer gern getragen.“ Sie sind ein Ganzjahresprodukt. Wie T-Shirts, nur anspruchsvoller. „Man muss sie fitten wie einen Blazer, so präzise“, verrät die Fachfrau. Ihre Entwürfe werden von ihren Schnittmachern umgesetzt. Sie arbeiten noch auf Papier. Die Form jeder Bluse entwickeln sie aus der Schulter. Brustabnäher gibt es bei Lis Lareida nicht. „Oder haben Sie schon mal schöne gesehen?“

Kragen, Knopfleisten und Manschetten ihrer Blusen sind fein verarbeitet und doppelt unterlegt. Die extra dünnen Einlagen werden fixiert, damit sie sich nicht verschieben. Eine Damenbluse ist schließlich kein Herrenhemd. Fast alle Blusen haben eine Paspel als Abschluss. Das gibt ihnen Halt und sieht piekfein aus. Fakt ist, „eine Bluse muss bequem sein und darf nicht bei jeder Bewegung aus der Hose rutschen.“ Das ist ihr wichtig. Und sie solle nicht zu korrekt daherkommen. Hauptsache, sie ist exzellent verarbeitet. „Bei uns fallen keine Knöpfe ab!“

Lis mag es gern ein wenig androgyn. Vorbilder? Wenn überhaupt jemand, dann sei Jil Sander ihr Idol. Die klassische Hemdbluse gibt es bei ihr in jeder Saison. Sie ist ihr Markenzeichen, obwohl sich inzwischen ein paar Kleider, ein wenig Strick und flaumiges Daunen für den Winter hinzu gesellt haben. „Ich bemühe mich, das Geliebte und Bewährte mitzunehmen und nur leicht zu modifizieren“, verrät sie. „Und Brüche mag ich.“ So ist der Kragen schon ein mal abgerundet oder schließt mit einer Rüsche ab. Das kann feminin wirken, aber auch ein wenig burlesk. Bei einer früheren Kollektion ließ sich der eine oder andere über die Knopfleiste gelegte Volant sogar abnehmen. Mancher Kragen sieht bei ihr aus wie gerissen, ungesäumt. „Taglio vivo“ nennen das die Italiener, was soviel heißt wie roher Schnitt. Das klingt schön.

Die ausgewählten Garne werden meist in Italien, manche aber auch in der Schweiz gewebt. Ägyptische Baumwolle kommt aus dem Nildelta. Sie ist von Hand gepflückt und hat besonders lange und kräftige Fasern. Als Stoff hat sie einen sanften Touch und fühlt sich fast an wie Seide. Lis behauptet, sie werde mit jedem Waschen schöner. Der Rolls Royce unter den Fasern ist die Sea-Island-Baumwolle von Barbados. Sie ist vielfach zertifiziert und erinnert beim Drüberstreichen entfernt an Cashmere. Dazu kommen ein wenig Crêpe de Chine aus Como, zartes Crêpe Georgette und die eine oder andere Bluse aus leicht geknautschtem Seiden-Crepon.

Lis Lareida ist der stille Star in der Welt der Mode. Für sie ist die weiße Bluse ein Statement und keine Verlegenheitslösung. Eine Welt ohne kann sie sich nicht vorstellen. Wer eine hat, genießt und schwelgt. Man sieht sich!

Inge Ahrens

 

83 - Sommer 2020
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