Funktional, modern und immer menschlich

Monica Förster ist eine vielbeschäftigte schwedische Designerin. Ihr neuester Coup: ein Restaurant in Stockholms Luxuskaufhaus NK Departmentstore. Das Positano Yes im Stockholmer Kaufhaus Nordiska Kompaniet [Fotos: monicaforster.se]

Monica Förster ist eine der bekanntesten Gestalterinnen von ganz Schweden. Wahrscheinlich ist sie auch die vielseitigste. Seit mehr als zwanzig Jahren entwirft sie Lampen, Möbel, Tischgefäße, Fliesen, Textiles und Accessoires für ausgewählte Designfirmen überall in der Welt. Auf der Kölner und der Stockholmer Möbelmesse in diesem Jahr war sie mit ihren Exponaten mehrfach präsent. In Stockholms berühmtestem Luxuskaufhaus hat sie in Zusammenarbeit mit dem Wingård-Architekturbüro ein Restaurant designt und eingerichtet, das an einen Marktplatz an der italienischen Amalfiküste erinnern soll, das „Positano Yes“.

 


Monica Förster – ihre
Formsprache ist funktional,
modern und immer
menschlich
[Foto: Camilla Lindqvist]
 

Josef Sachs war ein Visionär seiner Zeit. Als er 1902 die Nordiska Kompaniet in Stockholms Innenstadt gründete, war es das erste Kaufhaus Schwedens. Der von ihm beauftragte Architekt Ferdinand Boberg, ein Vertreter der Moderne, hatte sich bei Harrods in London umgesehen, die Galeries Lafayette in Paris in Augenschein genommen und das Berliner Kaufhaus des Westens KaDeWe genau betrachtet. So kann man heute in der Stockholmer Warenhauskette Nordiska Kompaniet auch die Einflüsse deutschen Jugendstils finde wie die ziselierte Balustrade aus geschwärztem Stahl mit Messinglauf rund um den doppelt verglasten Himmel über dem Innenhof.

 

Genau dort hat Monica Förster im zweiten Stock zu drei Seiten des Lichthofes das „Positano Yes“ zusammen mit der bosnischen Manufaktur Zanat gestaltet, die für ihre außergewöhnliche Schnitzkunst in ihrer Region berühmt ist. Deren überlieferte Muster dekonstruierte sie. „Ich fokussiere auf einen Teil“, nennt das die Designerin. Die Bar ist aus flaschengrünem Walnussholz. Die Tische sind schwarz und haben am Rand kleine helle Dellen, wie mit den Fingerkuppen in feinen Sand gedrückt. Die Rückseite der Barhocker ist gewölbt und filigran eingekerbt, fast wie Plissier.

Auf dem Tresen stehen hölzerne Gefäße, die den tonroten Fußboden farblich aufnehmen. Deren Schaft ist mit dem Beitel eingekerbt wie die Schuppen eines Tannenzapfens. Unter aller Lasur schimmert die Holzmaserung durch. Mit dem „Postinao Yes“ ist ihr ein besonderes Stück Kunsthandwerk mitten in der Shoppingwelt gelungen. Lange Zeit war der luxuriöse Departmentstore ein Sprungbrett für junge schwedische Designerinnen und Designer, aber Monica Förster ist längst auf dem Höhepunkt ihrer Karriere.

Mit Zanat arbeitet sie seit sieben Jahren. Die in Stockholm geborene Tochter eines Deutschen und einer Sami wuchs in Dorotea am nördlichen Polarkreis in Lappland auf. „Wir lebten an einem kleinen Ort, dort oben in den Bergen.“ Die Verbindung zur Natur der mit heimischen Hölzern arbeitenden bosnischen kunsthandwerklichen Manufaktur war darum gleich da. Orhan Nicsic, der Inhaber des Familienunternehmens hatte ihr eine ellenlange Mail geschrieben. Der immer noch lebendige Schatz berühmten Handwerks brauchte frischen Wind unter die vom Jugoslawien-Krieg ermüdeten Flügel. „So eine lange Mail liest man normalerweise nie zu Ende“, erinnert sich Monica Förster. „Ich tat es aber und war berührt.“

Monica Förster hat an zwei von Schwedens großen Designhochschulen studiert. Auf der Mailänder Möbelmesse zeigte sie 1999 ihr erstes Stück. „Es war eine Lampe, die ich für David Design machte“, ein Label, das damals schwer angesagt war, heute aber so nicht mehr existiert. Bald darauf war sie immer wieder in Italien kreativ. „Design und Stil sind dort so selbstverständlich. Ich lernte. Bei Zanat war ich dann dran.“ Sie übernahm die Art-Direktion und katapultierte das Unternehmen in die internationale Designwelt – eine sehr fruchtbare Verbindung, für deren Früchte beide mehrfach ausgezeichnet wurden. „Wir wollen lange zusammen arbeiten“, sagt sie. „Menschlichkeit, Wärme, füreinander da sein, das soll alle verbinden.“

Monica Försters Stockholmer Studio befindet sich in einem denkmalgeschützten Gebäude im Stadtteil Södermalm: in einem Vertrauen erweckenden Gebäudekomplex aus vergangenen Jahrhunderten, in dem sich einmal eine Brauerei befand. Der Blick nach hinten öffnet sich zu einem großen grünen Innenhof, wo Förster mit ihrem 15-jährigen Sohn und ihrem Mann, dem Musiker Staffan Hallstrand wohnt. In den kleinen Räumen des Studios gedeihen ihre weltweit produzierten Ideen mit Hilfe von nur vier Mitarbeitern. Das sind Möbel für Swedese, Fliesen für Marrakech Design, Accessoires für Georg Jensen, Textiles für Träffa Träffa. Alessi, Volvo, Cappellini oder Poltrona Frau gehören zu ihren Partnern. Monica Förster ist auf vielen Feldern zuhause. Trends vermeidet sie. Ihre Formensprache ist funktional, modern und immer menschlich, wie es auch dem schwedischen Design eigen ist. Dabei sind ihr die Traditionen im jeweiligen Land ihrer Auftraggeber sehr wichtig. „Wir blicken zurück, um uns vorwärts zu bewegen“, hat sie einmal in einem Interview gesagt. Monica ist neugierig auf alles: auf gutes Handwerk genau so wie auf neue Materialien und Technologien.

Nein, eine Überfliegerin ist sie nicht. Dabei sei es nicht immer leicht, die Partner zu überzeugen, bis sie ihre Sicht der Dinge verstehen. Die zierliche Frau mit den wachen braunen Augen heftet ihren festen und offenen Blick auf alles und alle. Unabhängigkeit ist ihr wichtig, und der Erfolg gibt ihr Recht. „Je besser die Unternehmen sind, desto mehr Freiheit habe ich.“ Darum fühlt sie sich auch keiner Gruppe zugehörig. Natürlich sei sie der schwedischen Designwelt nahe, empfinde sich aber doch eher als international. In 99 Prozent aller Fälle werde sie um Mitarbeit gefragt. „Ich will frei sein“, sagt sie. Dabei gehe sie niemals den einfachen Weg. So ist Monica Försters Geschichte auch die Geschichte einer Frau, die sich durchsetzt.

Inge Ahrens

 

82 - Frühjahr 2020
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