Glanzvolles Understatement

Foto: © Bolia

Im dritten Jahr der Pandemie fühlt sich das Leben für sehr viele Menschen nicht gerade behaglich an. Es zehrt an den Nerven. Vor allem deshalb haben sich Interieurdesigner auf Sanftheit, weiche Formen, warme Farbtöne, ein ruhiges Ambiente, Natürlichkeit – und Eleganz festgelegt. Golden soll es schimmern! Mal in opulenter Entfaltung, ganz Glamour. Ein Hauch „Golden Twenties“. Dann wieder als glanzvolles Understatement.

Zunächst gilt der Klassiker: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt!“ Nein, es sind vor allem gebürstetes Messing, beschichteter Edelstahl oder mit Goldglanzglasur überzogene Keramik, welches Designer einsetzten, um dem Interieur eine elegante Note zu verleihen. Der Goldlook kommt mal zart und hell, mal etwas gealtert oder jung, vereinzelt trompetengelb daher, etwa so wie die bei Louis Poulsen neuaufgelegte Tischlampe „Panthella“ (1971) von Verner Panton, die nun also neben weiß, schwarz und farbig chromglänzend Raumnischen erhellt.

Seit vor etlichen Jahren schon der Brite Tom Dixon mit Kupfer und Messing auf Möbelmessen aufwartete, scheint metallisches Schimmern nie ganz verschwunden zu sein – neu von ihm die Kugelhängelampe „Melt“ – obwohl in den letzten Jahren jegliches Naturmaterial das Einrichtungsdenken fast überwucherte. Es galt: eher Gras als Gold. Und nun geht so leicht wie nie zuvor beides zusammen. Goldstücke und Grasbüschel bilden eine nonchalante Verbindung.

Darüber hinaus gibt es etliche Trendthemen, in denen Gold als Effekt einen attraktiven Platz und neue Aufmerksamkeit findet. Etwa im auf Natürlichkeit und Leere basierendem japanisch-skandinavischem Mixstil „Japandi“, im neo-postmodernen Interieur oder im maximalistischen Stil, der fantasievoll Fund- und Erbstücke zu einer aufregenden Wohnerzählung verdichtet? Oder wie im Soft-Minimalismus, der die kühle Strenge von Edelstahl und Farblosigkeit ja schon längst überwunden hat und sich pudrig und weich zeigt? Keine Frage, im Art Deco inspirierten Glamour-Wohnen mit hohen Räumen, dunklem Wandgrün, tiefen Blautönen und geometrischem Dekor – da ist Gold wahrhaftig zu Hause! Dort beansprucht es seinen Platz als Spiegel, Beitisch, als Lichtschalter und Türklinke, in Lampen und Stoffen. Und vielleicht im Raumteiler „Eichholz Davis“ des niederländischen Labels Eichholz. Der filigrane metallene Paravant im „Goldfinnish“ wirkt wie ein Wiener Schmuckstück. Aber woran erinnert er noch? – Der große Gatsby, an den Roman von F. Scott Fitzgerald. Rauschhaftes New York 1922. Der Paravant ist ein Hin- und dank des Ornaments auch ein Durchgucker, mit dem man sich einen Hauch Drei-D-Gatsby-Spektakel (2013) von Regisseur Baz Luhrmann zu Hause inszeniert. Vielleicht schaut ja auch Leonardo DiCaprio gleich hindurch. Opulent das Interieur, hauchzart die Gläser.

In eher eklektischen Wohnungen, in denen Sammlerstücke und Neuentdeckungen zu einem überbordenden Augenfest arrangiert werden, könnte ein Tischchen wie der „Goldene Reiher“ aus beschichtetem Aluminium für den
surrealen Touch sorgen, der mit dem 1939 kreierten bronzenen Vogelfußtisch der Schweizer Künstlerin Meret Oppenheim (1913 - 1985) einen prominenten Ahnen hat.

Ein glänzendes skulpturales Wand-element oder ein Stelzenbord, hochbeinig also, mit goldenen Türen, Schränke mit vergoldeten Aufbauten, all das lässt sich in der Wohngeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts finden und ins Heute transformieren. Alessandro Mendini schwelgte als Gründervater des Achtziger-Jahre-Postmoderne-Designs nicht nur in Knallfarben wie rot, violett, orange und gelb, sondern auch in Gold. Als eine Reminiszenz könnte die in Italien handgemachte Deckenleuchte „Nappe“ gelten. Mit ihren Kugelelementen aus Metall und Glas samt feinen Fransen erinnert sie obendrein an überdimensionierte Ohrgehänge. Apropos Schmuck. Fashion beflügelt das Interieur. Das ließe sich auch von „Lükke“, dem Kerzenhalter aus Keramik sagen. Auch er erinnert an verschlungene Ohrstecker.

Stiller geht es mit skandinavischem Design. Wo beige, leinenweiß und schilfgrün gemeinsam mit weichen Stoffen und organischen Formen zu neuem Wohlfühlwohnen zusammenwachsen, reichen ein Marmortisch für die feste Haptik und ein Tupfer Gold für den Glanz. Gold zeigt sich hier sparsam und dienend. Spielerisch leicht wird das Interieur mit Einzelstücken – Schalen, Besteck, vielleicht einer Teekanne von Bold & Basic ergänzt.

Die Lieblingsstücke des neuen Goldtrends sind Lampen. Da wäre zum Beispiel außer der bereits oben genannten die „Perch“- Kollektion von Umut Yamac, die es bei Moooi zu finden gibt. Die Kollektion von Leuchten erinnert an gefaltete Kraniche. Es sind warm leuchtende Origami-Glücksbringer.

Nirgendwo aber wirkt die elegant-natürliche Puderwelt aus Natur und Glanz konsequenter ausgelebt und vorgeführt als bei Bolia. Ein beeindruckendes Gesamtkonzept. Man wähnt sich in einer anderen Sphäre. Hier scheint es lautlos, obwohl die Lietzenburger Straße in Charlottenburg mit vierspurigem Verkehr unmittelbar vorbeiführt. Der erste Reflex, wenn man in das Eckgeschäft eintritt, mag Abwehr sein. Eine allzu künstliche Welt! Das Leben im Ei. Aber es lässt sich schwer der Faszination dieser überraschenden, weil so anderen Harmonie widerstehen. Kurzzeitig im Beige baden von Goldglanz sanft bestrahlt. Die hier gezeigten Lampen der „Leaves Serie“ von Kateryna Sokolova sind etwas Anmutiges, obwohl die gebürtige Ukrainerin sagt, ihre Inspiration käme vom Industriedesign. Oder die Reflection-Lampen des Dänen Asger Risborg Jakobsen, die artifiziell und reduktionistisch sind.

Gold galt (längst nicht nur) früher als ein Symbol für Reichtum und Macht. Die goldenen Wasserhähne im einstigen DDR-Regierungsviertel in Wandlitz wurden 1989 zur Metapher für falsch gelebte und deklarierte Werte und hatten als solche politisch provozierendes Potenzial. Dagegen gelten schöne Objekte mit edelmetallischem Glanz heute als Ausdruck von Stilgefühl und Eleganz; zuviel davon freilich als Kitsch, billig und geschmacklos. Nach seinen großen Auftritten in den Zwanziger und Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts erlebt das Luxus-Metall jetzt ein Comeback. Zu sehen ist es bereits allenthalben. Und bereits im Frühjahr 2021 sagte die niederländische Trendforscherin, Li Edelkoort, deren Fashion- und Interieurseminare noch immer zu den Ereignissen zählen, im Interview für den Standart einen Goldrausch voraus: „Ich beobachte eine große Sehnsucht nach Gold“ und: “In der Vergangenheit hat sich oft gezeigt, wenn selbst ich als Person mit einem extrem minimalistischen Geschmack dieses Bedürfnis verspüre, wird es bald eine Art Explosion an Kreativität und Gold geben." Manche nennen es eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Anita Wünschmann

 

88 - Frühjahr 2022
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