Ich packe meinen Koffer ...

Wäre es nicht herrlich, einen ganzen nicht enden wollenden Sommer samt Herbst und frühlingshaftem Winter an der französischen Riviera ausklingen zu lassen? [Foto: Iurii Melentsov ]

Einst am französischen Hof von Louis Vuitton für den Adel erfunden, ist der Koffer heute längst unverzichtbarer Reisebegleiter für jedermann.

Ich packe meinen Koffer und lege mein Lieblingsbuch hinein, den neuen Badeanzug, die silbernen Schläppchen, die Wanderschuhe ..., wer weiß. Wer kennt es nicht, das Gedächtnismatch im Kreise der Familie, bis der imaginäre Koffer voll ist und die ersten Teilnehmer nicht mehr wissen, was alles hineingetan wurde. Möglichkeiten zum Spielen zuhause gab es genug in den vorangegangenen Jahren. Noch im Frühling war Reisen Illusion für die meisten von uns. Ein kleiner Trost nur, mit dem Finger auf der Landkarte herumzufahren, alte Fotos hervorzukramen und Spaghetti Carbonara zuzubereiten, fast so gut, wie wir sie im italienischen Latium einst aßen.

Die Fantasien hatten ein wenig überhandgenommen. Das Träumen artete zu einer wahren Meisterschaft aus. Jetzt dürfen wir wieder reisen, am knackenden Kamin oder unter dem geblümten Plumeau eines gemütlichen Gasthauses in den schottischen Highlands sein, den wohligen Schauer spüren, noch morgenwarm und schlaftrunken den großen Zeh in karibisches Wasser tunken. Herrlich, wie der Regen am Fuße der Cairngorm Mountains gegen die Fensterscheiben prasselt, der Duft von Frangipani in den tropischen Gefilden unsere Sinne küsst.
Ja, noch ist Ferienzeit. Und mit aller Vorsicht und Respekt vor unseren Mitmenschen: Los geht’s! Wenn nur das Packen nicht wäre. Schon wieder muss man sich beschränken, auswählen. Schließlich leben wir nicht mehr in den Zeiten der Postkusche. Also erstmal den Koffer entstauben. Funktioniert der Reißverschluss noch? Klemmte nicht das eine Rad des Trolleys, und wäre es nicht mal Zeit für ein neues und eleganteres Behältnis? Vielleicht in lauchgrün oder morgenrot, damit es am Laufband am Flughafen nicht immer zu Rempeleien kommt, wie schon erlebt.

Jahrelang wurde ich von einer Dame der so genannten Berliner Gesellschaft als „die Frau, die mit meinem Koffer abhauen wollte“ vorgestellt, das nervte. Wartend am Gepäckband hatte ich nach dem ihren gegriffen, sah er doch ganz genau so aus wie der meine. Na, die Frau konnte sich gar nicht mehr einkriegen, Jahre später noch nicht, und mir reichte es irgendwann. Auf einem Event kriegte sie von mir coram publico den Koffer im übertragenen Sinne vor die Tür gestellt. Und ich machte fortan ein rotes Bändchen an meinen kleinen Reisebegleiter.

So was wäre in der Frühzeit des Reisens nicht passiert. Da war der Koffer bloß ein Flechtkorb, eine hölzerne Truhe vielleicht, eine Reisekiste mit Griffen zum Tragen und Ziehen. Wer reisen konnte, war schließlich vermögend und hatte genügend Personal, das sich abmühen musste mit den schweren Behältnissen. Ladies und Gentlemen reisten mit Schrankkoffern, in deren Schüben Schuhe und Schlüpfer ruhten, an einer Stange baumelten die Kleider an handgeschnitzten Bügeln.

Am Zielort ausgeklappt, war das Ganze eine Art Paravent mit Spiegel, ein Stück zuhause in fremden Gefilden. Die dänische Schriftstellerin Karen Blixen (Meryl Streep in „Out of Africa“) ist ganz bestimmt mit mindestens einem Exemplar nach Kenia gereist, dazu noch mit zahlreichen Hutschachteln. Andere Prachtexemplare dieser Art sind leider mit der Titanic untergegangen. Klar, das wäre mal ein Traumkoffer für mich mitsamt den Traumkleidern, wenn nur das Personal inbegriffen wäre. Stattdessen gesellt sich Gleiches zu Gleichem, langweilen Funktionalität und Mittelmäßigkeit der mitgeführten schwarzen und grauen Gepäckstücke auf Flughäfen und in Hotellobbys.

Dabei war das mal anders. Louis Vuitton, ja der!, hatte sich im 19. Jahrhundert am Hof Napoleons als Reisepacker für die Kaiserin Eugenie lange genug abgeplagt. Ein Mann von erlesenem Geschmack und Einfallsreichtum. Irgendwann war er die scheußlichen Kisten und Kästen satt und erfand den Reisekoffer. Eine Legende war geboren, ein Klassiker, ein Must-have längst, der heute noch gefertigt wird und im Original selten am Gepäckband zu sehen ist. Natale Rusconi (1926-2019), ein Mann der Literatur und der Eleganz, über viele Jahrzehnte und bis heute unvergessenere Direktor des Hotels Cipriani in Venedig, seufzte bei unserem letzten Treffen: „Die alten Reichen sind die neuen Armen. Früher erkannte man sie am Gepäck. Heute haben fast alle falsche Louis-Vuitton-Koffer.“

Marc Schiffer (45), Stellvertretender Chefconcierge und bereits im 19. Jahr im Fünfsternehotel Ritz Carlton in Berlin, kann das nur bestätigen: „Viele Neureiche tragen Jogginghosen und Adiletten, führen aber sehr hochwertiges Gepäck mit sich.“ Wie soll man da noch durchsteigen? Vor dem Luxushotel Ritz Carlton öffnet noch der Dorman die Tür eines ankommenden Autos und kümmert sich um das Gepäck. Drinnen übernimmt der Bellman (früher Bellboy, aber das ist heute diskriminierend). Der bringt es auch aufs Zimmer und ist gottfroh über die Koffer der Neuzeit. Sei hochwertiges Gepäck heute doch viel praktischer, stabiler und vor allem leichter. „Ein Glück für uns“, weiß Marc Schiffer und „viel angenehmer“.

Na ja, die alten Zeiten sind ja sowieso Schall und Rauch, wenn wir auch manches vermissen und gern wieder herbeizaubern möchten. Wäre es nicht herrlich, einen ganzen nicht enden wollenden Sommer samt Herbst und frühlingshaftem Winter an der französischen Riviera ausklingen zu lassen? Die Schweizer Berge täten es auch in einem der Grandhotels. Na ja. Romantik beiseite.

Wer das Thema „gute alte Zeit“ doch noch mal vertiefen möchte und noch keine Reiselektüre hat, sollte sich den „Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ von Fruttero und Lucentini als antiquarisches Buch besorgen, in dem Leben und Leiden des italienischen Portiers Oreste Nava im Grandhotel in Ligurien ganz hinreißend beschrieben wird. „Mit leicht ausgebreiteten Armen stand er am Empfang, die Fingerbeeren auf die Mahagoniplatte gestützt“, so heißt es da, und nahm die ankommenden Hotelgäste ins Visier und als allererstes das Gepäck an sich. Oreste Nava in seiner Berufshaltung. Zum Schmunzeln schön.

In den eingeübten Zeiten nötiger Distanz mögen ja im Moment viele nicht so gerne fliegen. Vor allem, seitdem so mancher Koffer im Nimmerland verschwindet oder Tage später erst anrollt. Außerdem, das aufgegebene Gepäck kann schon mal mehr kosten als der ganze Flug, auch das Handgepäck. Nur der Zimmermann auf Wanderschaft braucht weniger Gepäck als wir. Er trägt seine Habe im Charlottenburger (das rote Tuch) am Stecken und wird auch noch umsonst beherbergt. Beneidenswert. Der Himalaya-Eroberer bürdet alles den Sherpas auf. Manch eine/r fährt jetzt lieber mit dem Zug in die Ferien, lässt sich die Stullen unter der Maske schmecken oder steigt ins Auto. Der Weg ist das Ziel. Heckklappe auf und rein mit der Kledage. Da ist es doch egal, wie der Koffer aussieht.

Wahrscheinlich schmort in manchem Keller noch so ein Gepäckstück von vor der Jahrtausendwende. Bei mir ist das ein eleganter kirschroter Samsonite-Hartschalenkoffer aus der Vorzeit der Rollen. Trennen mag man sich nicht, ist ja auch schon fast wieder antik. Aber tragen möchte man ihn auch nicht mehr. Was haben wir nur geschleppt. Klaglos. Jetzt sind die Koffer glücklicherweise aus allen möglichen federleichten Materialien und rollen wie geschmiert.

Und was sagt das Behältnis über uns aus? So ein echter Louis-Vuitton-Koffer ist schon ein echtes It-Piece für lässige Weltenbummler. Die negieren, klar!, die neuzeitlichen Fashion-Statements: einen Trolley mit echten Pirelli-Reifen, biometrischem Fingerprint, integrierter Waage oder Smartphone-Konsolen. Alles wird smarter, bloß das Reisen nicht. Oder haben Sie schon einen Koffer, der, einmal programmiert, Ihnen wie ein Hündchen auf Schritt und Tritt folgt?

Apropos Rollen. Womit wir schlussendlich doch beim Packen wären. Sind Sie ein Roller oder ein Falter? Manche packen ja jedes Teil in eine Plastiktüte oder legen Backpapier zwischen die Stöffchen. Ich rolle seit Jahren, ein Überbleibsel aus meiner letzten Ehe. Mein Ex-Mann hat mich gelehrt, wie man platzsparend ein- und faltenlos auspackt. Ich denke jedes Mal an ihn. Ich profitiere davon. Dazu stopfe ich die Socken in die Schuhe, den Strohhut fülle ich mit der Lingerie, und Kleider, Röcke und Hosen lege ich zur Hälfte aufeinander in den Koffer. Die rechts und links raushängenden Ärmel und Hosenbeine klappe ich erst am Ende ein. So passt jede Menge rein.
Dann kann es losgehen. Erster Versuch: Mit dem Zug nach Schleswig-Holstein an die Schlei-Mündung. Goldgelbes Schilf. Schwäne in der Nacht. Aber zweimal umsteigen bis dahin. Da muss der Koffer aber flutschen. Wir lehnen uns zurück und atmen flach unter der Maske. Bäume und Häuser huschen vorbei wie all die unerfüllten Träume. Hätte man vielleicht doch lieber wie Hannibal die Alpen überqueren sollen, Deutschland mit dem Fahrrad erobern oder gänzlich isoliert auf einer der einsamen Schäreninseln Schwedens Zuflucht suchen sollen? Der Urlaub birgt doch ein immerwährendes Versprechen. Das Prickeln der leicht sonnenverbrannten Haut inbegriffen. Die Freude will endlich raus, auch wenn immer behauptet wird, dass Vorfreude die allerschönste sei. Wer’s glaubt. Egal wohin, es muss gepackt werden.

Inge Ahrens


Information
Buchtipp: Carlo Fruttero + Franco Lucentini:
„Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“,
Piper Verlag 1986
(antiquarisch)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

90 - Herbst 2022
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