Kerzen  – die altbewährten Herbsthelfer in neuem Licht

Kerzen sind im Trend, das zeigen allein Start-up-Gründungen wie Vandlez und UpCandle (Foto). Bei UpCandle, die aus Berlin kommend im brandenburgischen Storkow produzieren, gibt es vegane Kerzen aus Rapsöl im Glas mit Holzdeckel und einem Birkenholzdocht, der beim Abbrennen knistert. [Foto: UpCandle UG]

Kerzen sind voller Symbolik – Licht, Wärme, Liebe – sie sind Mittel des Rituellen von Kirche bis Geburtstag oder dienen der Dekoration. Sie sind seelische Aufwärmer. Ihr Abbrennprozess schafft sogar ein gewisses Maß Umgebungswärme. Es wird allerdings kein Text darüber, wie man mit Teelichtern seine Wohnung warm kriegt. Dafür sind Energiewirtschaftler zuständig. Kerzen gehören vor allem zur Menschheitsgeschichte, weil sie Licht ins Dunkle brachten.

Nun also, da die lichtärmere Jahreszeit vor der Tür steht, geraten Kerzen in den Blick. Sehr zu vermuten wird es das Jahr der Kerzen, obwohl der Paraffinpreis, Paraffin ist ein Erdölabfallprodukt, steigt. Im Gegensatz zum Jahr 2018, wo Kerzenhersteller in Deutschland über den Nachfrageeinbruch klagten, weil damals der Herbst so warm war. Bis in den November hinein. (So Stefan Thomm, Geschäftsführer der Europeen Candle Assoziation). Viel später als sonst ging es los mit dem Verkauf von Advents- und Weihnachtskerzen. Den roten und weißen Stabkerzen und Stumpen in allen Stärken und Längen und mit Bienenwachskerzen für den Weihnachtsbaum. Zu dieser Zeit gehören auch die Menorakerzen - sieben - sowie acht und neun für einen Chanukkaleuchter zum jüdischen Lichterfest. Weiße sind hier vor allem gefragt.

Außerdem sorgt das vielfältige Sortiment der LED-Lämpchen und Lampen für Licht innen und außen. Und wenn diese Ledlampen und -kerzen noch mittels Solarbatterie, letztere sogar mit einem Echtwachsmantel umhüllt und Flämmcheneffekt funktionieren, dann ist zwar inzwischen ein warmes Leuchten überall möglich aber eine Dochtkerze flackert anders. Stiller. Harmonischer. Kerzen gehören seit fünftausend Jahren zur Menschheitskultur. Sie vermitteln ein Hauch Archaik im verfeinerten Gewand.

Kerzen und mit ihnen die Kerzenhalter, -ständer, Hängeleuchter gibt es in einer unüberschaubaren Vielfalt. Da ist zum einen die schlichte weiße Haushaltskerze, dann die schlankeren Tafelkerzen, es gibt Stumpen- und Kugelkerzen. Weiter geht es mit der stillen Pracht aus Wachs bis hin zu den skurrilen, fantastischen oder geometrischen Skulpturenkerzen. Die kleinen weißen Teelichter, es ist kein Wagnis, das zu behaupten, finden sich überall.

Gibt es eine Mode der Kerzen, eine Wandlung des Schönheitsgefühls? Ja! Auch eine Verfeinerung und ökologische Optimierung der Materialität seit 1839 in Paris und London die ersten Paraffinkerzen erprobt wurden. Bienenwachsanteile und Wachs auf der Basis pflanzlicher Öle sind besonders gefragt. Rapsölkerzen, etwa bei dem Label „Grüne Erde“, die in einem schlichten Gefäß aus Zirbenholz angeboten werden. Industrieproduzenten wie die 1744 gegründete Müller Kerzenherstellung AG mit über eintausend Beschäftigten und fünf Millionen Kerzen Jahresproduktion setzen neben Paraffin und Stearin auf Palmöl aus kontrolliertem Anbau, wie es auf der Firmenseite heißt. Natur steht generell hoch im Kurs ebenso wie Handgemachtes. Einige Manufakturen bieten daher Workshops für Kerzenziehen, Kerzentauchen und -gießen. Und nicht nur Kinder lieben es, aus Altwachs mit Hilfe von Backformen neue Kerzen zu kreieren. Als ein Renner gelten Bubblekerzen.

In den Achtzigern etwa galt es als schick, Altarkerzen zu Hause aufzustellen. Nach den hohen, quasi säkularisierten cremefarbenen Kerzen wechselte das Stilgefühl bald zu breit und niedrig. Stumpenkerzen, zunächst einflammig dann bald mit mehreren Dochten waren nun angesagt. Später kamen Duftqualitäten dazu, zunächst nur um Mücken zu vertreiben. Dafür gilt Zitrusgras als ein Grundbaustein. Feinere Nuancen für Innenräume basieren auf Weihrauch, Myrre, Vanille, Rosen und raffinierten Mischungen. Mit der Barockisierung des Wohnens in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern zogen Kronleuchter und mehrarmige Standleuchter mit den entsprechenden Kerzen ein. Egal ob klassisch mit Klunkern oder auf ein paar gebogene Eisen-, bzw. Edelstahlringelemente re-
duziert. Und jedes Jahr sind neue Kreationen für Tee – und Windlichterlichter zu entdecken. Ein prominenter Teelichthalter aus den Siebzigern ist die „Schneekugel“, die Ann Wärf für die Glasfirma Kosta Boda im südschwedischen „Glasreich“ kreiert und die es als Artefakt ins MoMa nach New York geschafft hat. Oder die roten, blauen, gelben dickwandigen Gasteelichthalter des finnischen Labels iittala. Designer wie Heikki Orrol oder Oiva Toikka stehen für die puren zylindrischen als auch etwas romantischeren, mit Tautropfen versehenen Gläser. Ihr Design aus den Sechzigern, dem beliebten Midcentury, sind nur ein Beispiel für bis heute gelebte skandinavische Gemütlichkeit. Licht im Dunklen. Zauber des Glases. Kerzen effektvoll aufzustellen, erfordert nur ein wenig Spiellust. Von Design bis zu zweckentfremdeten Gefäßen aller Art, gibt es viele reizvolle Möglichkeiten. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert gelten Kerzen als ein Schlüsselelement der Wohnkultur.

Stumpenkerzen benötigen nur einen flachen Untersatz. Zum Luxus gehörte es auch, nicht nur eine oder zwei, drei Kerzen zu arrangieren, sondern auf geeigneten Tabletts und Tellern ganze Gruppen; fünf und mehr, am liebsten in ungerader Anzahl, in monochromen Farbtönen zu versammeln. Die dänische Firma Ester & Erik etwa produziert im Pressverfahren farbschöne einfarbige Stumpenkerzen wie „Old Rose“, die besonders langsam abbrennen. Apropos Herstellung: Es gibt gepresste, handgezogene, durchgefärbte oder nur farbig ummantelte, dekorierte, geschnitzte und bemalte Kerzen. Kerzen im Glas, im Porzellan- oder Keramik-, sogar im Holzgefäß. Ihr RAL-Gütesiegel verrät die Qualität, die sich aus Wachsart, Schmelztemperatur und Dochtqualität, sprich Rußfreiheit zusammensetzt.

Ganz in Übereinstimmung mit den Farbtrends fürs Wohnen und dem Vergnügen an dem Zusammenspiel matter sanfter Farbklänge, wechselte die Kerzenmode von weiß und creme zu bunt, zu mit Farbstreifen oder Schlieren überzogenen Multicolorkerzen. Pastell, erdig oder knallig gelten als Trend. Naturtöne werden diesen Herbst vermehrt dazukommen.

Fragt man den Juniorchef der traditionsreichen Kerzenmanufaktur „Buchal“, die im Brandenburger Dorf Reetzerhütten vor allem Kirchenkerzen, Oster- und Weihnachtskerzen in aufwändiger Handarbeit mit hochwertigen Verzierungen herstellt, welche Farbtrends angesagt sind, erfährt man, dass klassische neutrale Farben insofern am besten sind, weil sie frei von Farbpigmenten und anderen Zusatzstoffen am reinsten und geduldigsten abbrennen. Dennoch wird es in diesem Herbst eine Kollektion orangefarbener Kerzen geben.

Kerzen sind im Trend, das zeigen allein Start-up-Gründungen wie Vandlez und UpCandle. Bei UpCandle, die aus Berlin kommend im brandenburgischen Storkow produzieren, gibt es vegane Kerzen aus Rapsöl im Glas mit Holzdeckel und einem Birkenholzdocht, der beim Abbrennen knistert. Die Namen der Duftkerzen klingen poetisch: „Weltenbummler“, „Waldspaziergang“ oder „Kiez Sauna“. Marie Brandenburg von Vandlez, eine Berliner Firma, die seit März 2021 Kerzen aus „Einhundert Prozent Sojawachs“ herstellt, meint, seit zwei Jahren ließe sich ein regelrechter Kerzentrend beobachten, nicht zuletzt, weil seit Corona alle viel mehr zu Hause sind. Besonders Duftkerzen, die man eher mit britischer Produktionen und beispielsweise dem prominenten Label „Molton & Brown“ verbunden hat, finden auch in Deutschland zunehmend Interesse. Und wer kauft die feinen Düfte? Das Novum: „Es sind gut vierzig Prozent Männer, die sich für unsere Unisexdüfte mit dem holzigen Grundton interessieren“.
Gerade, da wo Kargheit und Strenge dominieren, genügen ein paar Kerzen für ein Plus an Sinnlichkeit.

Anita Wünschmann

 

90 - Herbst 2022
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