Schone Verwandlung

Kleid: Stella McCartney [Foto: © Tim Walker, Vogue Juli 2005, S. 110]


Träumen geht immer. Zum Beispiel von besseren Zeiten und traumhaften Kleidern. Ellen Eisemann ist eine Berliner Modedesignerin und Unternehmerin, die sich ganz dem Kleid verschrieben hat. Ihre lässigen Hemdblusenkleider und adretten Sommerfähnchen aus hochwertigen Stoffen mit floralen und figurativen Motiven bringen Frische und Schwung in den Frühling. Niemand möchte doch gerade in Zeiten von Homeoffice und Parkspaziergang immerzu in schlabbrigen Hosen und überweiten Shirts verschlumpfen. So ein feminines Gewand sorgt für gute Stimmung und zaubert allen gleich ein Lächeln ins Gesicht.

Das Kleid für den Tag erlebt gerade eine Renaissance. Fast alle großen Designer haben sich ihm verschrieben. Aber auch populäre Modehäuser wie Hennes und Mauritz haben auf lang flatternde transparente und an die Hippiezeit erinnernde Blümchen- und Spitzenkleider gesetzt. Andere erfinden das Etuikleid neu. Und tatsächlich, nie sehen Frauen schöner aus als in einem perfekt geschnittenen Einteiler.

Das allererste Gewand war wahrscheinlich ein Chiton. Der wurde im antiken Griechenland von Männern und Frauen gleichermaßen getragen. Ein Tuch nur, auf einer Schulter zusammengehalten oder mit einem Schlupfloch für den Kopf versehen. Frauen trugen den Chiton überlang mit Gürtel. Wenn es kühl wurde, warfen sie schnell ein Manteltuch drüber. Spärliche Reste aus dieser Zeit treten noch heute als Pareo für den Strand auf oder erinnern an ihn als balinesischer Sarong. Nur der indische seidene Sari kann es an Eleganz mit dem Chiton aufnehmen. Die frühen Schneider hatten es jedenfalls lange Zeit einfach. Denn die Kunst des Drapierens einer langen, einfachen oder kostbaren Stoffbahn oblag ihren Trägerinnen.

Genau genommen bis zum Mittelalter trugen auch Männer Kleider, wobei der Begriff Kleid historisch betrachtet vielerlei Bedeutung hatte: Eine Uniform genau so wie eine Tracht wurde als Kleid bezeichnet. In der Schweiz sagte man noch lange Zeit Kleid zu einem Herren-Anzug. Die Jäger bezeichnen noch heute das Gefieder eines Vogels oder das Fell eines Hasen so. Das Kleid, das wir für den jeweiligen Tag wählen, ist wie eine zweite fremde Haut für uns.

Modegeschichtlich folgten jedenfalls auf das Kleid für beide Geschlechter Reifröcke für die Damen, falsche Hintern und Korsetts, von denen sich die Frauen erst vor gut hundert Jahren befreiten. Die Zeit der großen Designer konnte beginnen.

Taufrisch und opulent ist das Buch „Vogue: Das Kleid“ aus dem Prestel Verlag. Das Modemagazin, deren allererste Ausabe bereits 1892 in den USA erschien, fungiert hier als Chronistin der schönsten aller Kleider und zeigt die herrlichsten modischen Schöpfungen, getragen von den schönsten Models, in Farbe und schwarzweiß festgehalten von berühmten Fotografen. Wer darin blättert, gerät ins Träumen, denn nichts kann eine Frau so sehr verwandeln wie ein schönes Kleid.

Es gibt ihr Charme, erotische Ausstrahlung, Grandezza, Stil, Exotik oder romantisches mädchenhaftes Flair. Je nach modischer Schöpfung. Keine noch so ausgefallene oder elegante Hose kann derartige Gefühle entfachen. Besonders nach den harten Jahren der Kriege des 20. Jahrhunderts legten sich die Modeschneider, aber auch die Hausfrauen an der Nähmaschine ins Zeug, um mit Farbe, Esprit, Einfallsreichtum und Eleganz wieder Lebensfreude auf die Straße zu bringen.

Es gab bald Kleider für alle Gelegenheiten: Stadtkleider, Abendkleider, Ballkleider, Strandkleider. Für jeden Anlass ein extra Gewand. Aber wer kennt heute noch ein Cocktailkleid? So etwas Kapriziöses! Die großen Fotografen der Mode wie Edward Steichen in den 1930er-Jahren oder Herb Ritts in den 1980ern genauso wie Peter Lindbergh bis zu seinem Tod im letzten Jahr haben die schönsten Frauen in den wundervollsten Roben oft an ausgefallenen Orten für immer fest gehalten. Aber auch Cecil Beaton, Mario Testino oder Nick Knight sind nicht zu vergessen.

Im vorliegenden Bildband sind sie zu bewundern. Die Frauen als Göttinnen in fließenden Gewändern, als Prinzessinnen in Tüll und Brokat oder dramatisch ganz in Rot oder Schwarz. Viel Glamour und Glimmer ist zu sehen, Sportives und Provokatives. Manchmal sieht Mode sogar aus wie eine Skulptur.

Ohne die Models, wie die inzwischen legendäre Kate Moss, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und sogar Marlene Dietrich, die Edward Steichen 1935 in einem frivolen Abendkleid aus schwarzem Tüllschaum fotografierte, das der Hollywood-Designer Travis Banton entworfen hatte, wäre die Mode nichts.

Fast alle großen Modemacher des letzten und dieses Jahrhunderts haben im Buch ihren Auftritt. Madeleine Vionnet, Alexander McQueen, Emanuel Ungaro und sogar der Hausschneider der damals noch blutjungen britischen Königstöchter Elizabeth und Margaret. Norman Hartwell kleidete die beiden Mädchen im Palastgarten in pastellfarbenes Tüll und fließendes Blümchengeorgette.

Jedes einzelne Bild hat einen Text, der die Foto-Situation erklärt, etwas über die Zeit aussagt oder über den Fotografen, das Model oder natürlich den Modegestalter seiner Zeit. Jo Ellison, die Autorin hat die Archive der Vogue durchforstet und mehr als eine kleine hübsche Geschichte zutage gefördert.

Die Kleider erzählen ihre eigene Story. Wer Bianca Jagger mit herausforderndem Blick in einem schwarzen Kleid aus gekräuselter Seide sieht, denkt auch gleich an Mick Jagger, den sie 1971 in St. Tropez heiratete. Oder Prinzessin Diana als Lady in Red auf dem Cover der Vogue schon 1994. Was für eine tolle Ausstrahlung sie hatte! Oder die rothaarige Schöne, die Paolo Roversi in einem umwerfenden marshmallowrosefarbenen Ballkleid von Vivienne Westwood in edwardianischem Mieder unter Kirschblüten fotografierte. Ein Traum aus Spitze und Baumwollorgandy.

Obwohl die meisten Frauen so etwas Glamouröses niemals tragen werden, träumen sie sich hinein. Warum auch nicht? Die Bilder in diesem Buch haben den so genannten Aschenputtel-Effekt. Egal, ob es sich um ein raffiniert geschlungenes Kleid von Madame Grès aus den 1930er-Jahren handelt, das an das erste antike Gewand erinnert, oder um eine puppenhafte Taftrobe von Oscar de la Renta. Träumen darf jede.

Von Inge Ahrens

 

82 - Frühjahr 2020
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