Wie Wandern durch die Zeiten

Schon lange bevor der Grand Canyon unter Schutz gestellt wurde, zog er Menschen magisch an: die seit Jahrtausenden in der Gegend lebenden Ureinwohner, die Pioniere und Naturforscher im 19. Jahrhundert und die heutigen  Millionen von Besuchern. Der Grand Canyon National Park wurde vor 100 Jahren gegründet. Die berühmte Schlucht in Arizona empfängt jährlich sechs Millionen Besucher. Wer diese Naturschönheit ungestört erleben will, wandert am  besten hindurch.

Gut erschlossene Wanderwege führen auf der südlichen Seite des Canyons auf fast ebener Strecke am Rim entlang, dem Rand der Schlucht. Hinweisschilder leiten Nationalpark-Besucher zu Aussichtspunkten mit grandiosen Ausblicken auf das Naturwunder Grand Canyon im Bundesstaat Arizona. Um in die Schlucht hinabzusteigen, gibt es zwei Wege, den Bright Angel Trail und östlich von ihm den South Kaibab Trail.

Die Weite der Landschaft, die wechselnden Farben der Gesteinsschichten, die einzigartigen Felsformationen und das sich ständig verändernde Licht lassen diesen Flecken Erde wie ein gigantisches Gebilde aus einer anderen Welt erscheinen. Umso reizvoller ist es, nicht nur von oben in die Schlucht hinunterzuschauen, sondern den Canyon auch zu durchwandern, auf den Spuren der Erdgeschichte. Schicht für Schicht in sein Inneres vorzudringen bis hinunter zum gewaltigen Colorado River, dem diese einzigartige Landschaft zu verdanken ist. Aufgrund der mächtigen Kraft des strömenden Wassers arbeitete der Fluss sich immer tiefer in das Gestein – bis die Schlucht entstand, wie wir sie heute vorfinden.

Eine Durchwanderung auf der beliebten Südseite des Canyons, dem South Rim, ist an einem Tag zu bewältigen. Allerdings sollte man eine gute Kondition haben, denn die gesamte Tour beträgt rund 30 Kilometer und es sind dabei 1 450 Höhenmeter zu bewältigen. Je tiefer man absteigt, desto wärmer wird es. Darum ist es ratsam, eine Tageswanderung hinunter in den Canyon im Frühjahr oder im Herbst zu planen, wenn es nicht ganz so heiß ist wie in den Sommermonaten.

Auf dem South Kaibab Trail hinunter und zurück über den Bright Angel Trail

Die Nationalparkverwaltung hat im Bereich des South Rim ein übersichtliches und kostenloses Bussystem eingerichtet, dank dem man alle Sehenswürdigkeiten, Hotels und Stationen im Park erreicht. Für eine Tageswanderung durch die Schlucht bietet sich der Hiker‘s Express-Shuttle-Bus an. Er verkehrt ab Sonnenaufgang zwischen Bright Angel Lodge, wo man sein Auto parken kann, und South Kaibab Trailhead, von wo aus man kurz nach Sonnenaufgang losgehen sollte, um vor Dunkelheit wieder oben zu sein.

Ein gutes Ziel am Grund des Canyons ist die Phantom Ranch, das einzige Übernachtungsquartier in der Schlucht, bis zu der es etwa 8 Kilometern sind. Die Strecke nach unten ist etwas kürzer als der Aufstieg, dafür aber sehr viel steiler und steiniger und man ist fast durchgängig der Sonne ausgesetzt.

Nach knapp einem Kilometer vom Ausgangspunkt, dem South Kaibab Trailhead, erreicht man den ersten Aussichtspunkt, den Ooh-Aah Point, der von vielen Touristen besucht wird. Danach wird es ruhiger und der Weg schlängelt sich mal steil, mal weniger steil hinunter durch die grandiose Natur, umgeben von Millionen Jahren altem rötlichem Gestein. Immer wieder eröffnen sich spektakuläre Aussichten über die Weite des Canyons und auf den Colorado, dessen blaugrünes Wasser eine kühle Erfrischung in Aussicht stellt. Die Phantom Ranch ist, je nach Wegbiegung, auf dem letzten Drittel der Strecke schon von Weitem erkennbar. Die letzten Höhenmeter bis zum Fluss geht es steil bergab. Am Ende eines Felsstollens liegt die Black Suspension Bridge vor einem, auf der man den Colorado River überquert. Von der Hängebrücke aus blickt man auf einen herrlichen kleinen Strand. Das Schwimmen im Colorado River ist wegen seiner gefährlichen Strömung nicht erlaubt. Aber man kann im flachen Uferbereich untertauchen und sich im eisigen Wasser kurz erfrischen. Von dort aus sind es noch etwa 20 Minuten bis zur Phantom Ranch. Die Lodge gehört zu den gefragtesten Übernachtungsquartieren der Welt. Wer dort unterkommen will, muss ein Jahr im Voraus buchen und benötigt eine Genehmigung der Nationalparkverwaltung. Aber sie ist ein guter Anlaufpunkt für Wanderer, es gibt Snacks, Kaffee und kühle Getränke. Vor allem der Eistee und die selbstgemachte Zitronenlimonade sind zu empfehlen. Die Phantom Ranch wird mit Hilfe von Maultieren versorgt. Und mit einer Maultierpost kann man sogar eine Ansichtskarte aus dem Canyon versenden lassen. Nach einer einstündigen Erholungspause geht es weiter Richtung Bright Angel Trail. Eine kleine Wegstrecke führt parallel zum rauschenden Colorado bis zur Silver Bridge über den Fluss zurück, danach geht es weiter nach Westen entlang am Grund der Schlucht. Um die Mittagszeit ist es im Canyon zwar sehr heiß, aber dafür liegen ab diesem Abschnitt immer wieder Teile der Strecke im Schatten der Felsen, sodass der sanfte Aufstieg erträglich ist. Aussichtspunkte zwischendurch laden zum Genießen der Landschaft und Ausruhen ein. Auf etwa halber Strecke zurück zum Rim befindet sich Indian Garden, eine Oase am Garden Creek, einem kleinen Fluss mit schattenspendenden Laubbäumen, einer Rangerstation, Campingmöglichkeit und Trinkwasser. Von hier aus sind es noch knapp acht anstrengende Kilometer bis zum Bright Angle Trailhead, dem Endpunkt der etwa insgesamt 30 Kilometer-Wanderung von Ost nach West durch den Grand Canyon. Trotz Hitze und Anstrengung bleibt einem diese abwechslungsreiche Wanderung als besonderes Erlebnis in Erinnerung.

Text und Fotos: Ina Hegenberger

 

79 - Sommer 2019
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