Wohnen und träumen

Wohnen und träumen

[Foto: haitham/ stock.adobe.com]

Schon seit der Antike verstanden es die Menschen, den begrenzten Raum ihrer Wohnungen und Häuser mit illusionistischen Elementen zu erweitern, flache Wände plastisch wirken zu lassen und das Auge mit perspektivischer Malerei in eine nicht reale Ferne zu locken. Träumen und wohnen gehören offenbar zusammen.

„Grand Illusion“, so hat der Designer John Brauer seinen Beistelltisch benannt. Er erweckt den Eindruck eines schwebenden Tischtuches. Der Tisch selbst ist wie von Zauberhand verschwunden und trotzdem ist er ein Hingucker! Mit ähnlich surrealistischer Attitüde entwirft eine „illusionistische“ Tischlampe eine schwebende Leuchte ohne Fuß. Nicht ganz fußlos aber dennoch überraschend ist auch der „Shadow Chair“ von Duffy London. Er steht auf zwei Beinen und wirft einen magischen Schatten, ehe man die Schattenkonstruktion näher in Augenschein nimmt.

Eine andere Raffinesse zelebrieren die schlichten Geschirrtücher „Illusion“ von Anne Lehmann, die mit fein gezeichneten Geometrien optische Schwingungen hervorrufen.
Wohnen und Illusionen, Spiel und Praktisches gehörten schon seit der Spätantike – Pompejis Wandbemalungen werden in diesem Zusammenhang genannt – zusammen, wenn auch auf denkbar verschiedene Weise, manchmal sogar kaum zu bemerken. Eben illusionistisch!

Wir hören und lesen oft von Desillusionierung: das Leben, die Wirtschaft, das Ende der Pandemie betreffend. Desillusionierung verheißt in diesem Kontext nichts Gutes, eher die Begegnung mit den nackten Tatsachen.

Vielleicht verlockt deshalb umso mehr das Spiel mit Täuschungen. Mal in Gestalt optischer Effekte, die Sogwirkung entfalten, Bewegungen oder Konvexes und Konkaves vorgaukeln, mal in Gestalt von scheinbar schierer Zauberei, die auf raffinierten Konstruktionen und neuen Materialien beruht. Es gibt Illusionen durch Größenunterschiede, durch Dekore mittels Trompe l’oeil, der täuschendechten Malerei von Panoramen, Raumkonstruktionen und Materialimitationen. Es gibt überbordend suggestive Inszenierungen wie etwa im Barockinterieur, wo sich der real erfahrbare Raum gänzlich aufzulösen scheint. Und es gibt so schlichte Täuschungen per Materialtransfer wie die längst zu Klassikern gewordenen Carl-Filz-Kieselsteine.

Die Sinnestäuschung ist eben ein schönes Spiel. Allein schon die „Museen der Illusionen“ in Hamburg und Berlin und seit 2020 auch in Stuttgart zeugen von der Beliebtheit vor allem optischer Tricks, Künstler wie Victor Vasarely (1906-1997), der Grandseigneur der Op-Art, der mit Farbe und Lineatur nicht nur Leinwänden, sondern ganzen Häuserfronten überraschende dreidimensionale Tiefe verpasste. Oder der gerade zweiundsechzigjährige Peter Kogler aus Wien, der die schnöde Statik von Tiefgaragen in Schlangenlabyrinthe auflöst, sowie der Mailänder Designer Enzo Mari (1932 -2020), der mit Schachbrettmustern in schwarz-weiß wellige Böden und fiktive Beulen aus Wänden wachsen lässt. Sie alle sind die Vor- und Mitdenker zeitgenössischer Raumillusionen.

In der Wohnwelt gibt es zwar schon seit Jahrhunderten die Erfahrung mit Trugbildern. Aber gerade jetzt feiern sie an Wänden, auf Fußböden als Artefakte und Objekte ein Comeback. Sebastian Scherers konstruktive Täuschungen, etwa der ebenso präzise wie raffinierte Glastisch „Isom Square“, setzen die I-Tüpfelchen.
Immer wieder entstehen neue Ideen, kleinen Räumen Tiefe und großen aufregende Perspektiven zu verschaffen. Sei es als ein „Alice-im-Wunderland-Effekt“, als Almhütte im Plattenbau, als ein bisschen Dschungel vor dem Sofa – oder eben ein Schweben wie im Orbit mittels geometrischer „Hypnose“.

Selbst der Purismus ist alles andere als illusionslos. Freilich funktioniert er anders. Er reduziert alles Beiwerk, um zum Wesen und zur Klarheit zu gelangen, um den Sinnen auf diese Weise Raum zu geben.

Ohne Illusion geht es offenbar nicht. Nur die Strategien, diese hervorzubringen, um den eigenen Rückzugsraum vom Chaos draußen abzuschirmen bzw. ein Statement mit den eigenen vier Wänden zu setzten, variieren enorm. Der Purismus will allerdings kein X als ein U vormachen, kein Gold, wo es nur glänzt. Und eine Wand ist eine Wand und sonst nichts. Ist es so? Wo ein dominantes Kastenmöbel verschwinden soll, kommt gern auch eine stilpassende Fototapete zum Einsatz und konstruktive Raffinessen mit Rätseleffekt sorgen für den Kick Humor.

Hier aber geht es noch einmal um die kalkulierte täuschende Inszenierung, um die Überformung von Wohnräumen. Interessant ist dabei ein Rückblick: Naturalistische Tapeten oder Materialfakes, die in den Fünfzigern in den USA beliebt waren, fanden zum damaligen Zeitpunkt in der Bundesrepublik kein Gefallen. Oder dass eine über Türen und Wände hinweg mit Tapetenbahnen verklebte Traumlandschaft, wie sie im frühen 19. Jahrhundert Wohnzimmer zierten, sehr bald von Flächendekoren abgelöst wurden, welche die Wand eben nicht mehr mit erträumten Außenwelten zum Verschwinden brachte, sondern ihr als Hintergrund für schöne Möbel Prägnanz zurückgab.

Es geht also um den Wechsel von Moden und Vorlieben. Durch die Globalisierung bestehen heute diverse Stile nebeneinander. Aber die Angebote an Dschungelimpressionen wie „Botanik“ aus der Marburger Tapetenfabrik oder „Look in the Forrest“ von Francesca Besso verraten die Tendenz zur Illusion, ebenso die historischen Fliesen suggerierende Vliestapete „Coquilles Blanches“ und erst recht futuristische Fototapeten wie „Frederiksson-Hexagone“ von Elisabeth Fredriksson oder „3DSpherical“ von fototapete.de. Die Möglichkeiten von Digitaldrucktapeten, z. B. auch „Designwall 2.0“ von livingwalls sprengen alle Grenzen. Es geht um Sehn- und Sehsüchte, die sich auf vielfältige, schier uferlose Weise stillen lassen von wandfüllenden plastischen Beton-Monsteras bis hin zur Grandezza der Pariser Oper in einer Sechzig-Quadratmeter-Wohnung.

Wände und Böden können also mit abstrakten optischen Effekten ins Wanken gebracht oder mit Bachsteinstrukturen, Betonanmutung und Holzdekoren
visuell befestigt werden. Legendäre Täuschungskünstler sind natürlich Spiegel, die nach wie vor in mannigfaltigen Varianten Licht einfangen, Grenzen und dunkle Nischen auflösen, oben und unten austauschen – und Perspektiven vervielfältigen, wenn sie aus mehreren schräg gestellten Einzelspiegeln ein Ganzes bilden. Schwerelosigkeit, schweben, eintauchen: Das sind Trendthemen, die mit Naturparadiesen, Dschungel und Ozeane vorab das
Zuhause um eine spielerische Dimension erweitern.

85 - Frühjahr 2021
_allesfinden_