Einheit der Gegensätze

Vor etwa 100 Jahren waren die Wälder um den Ort Sauen eine heruntergewirtschaftete Kiefernlandschaft. Der Mediziner August Bier wandelte diese Schritt für Schritt in einen artenreichen Mischwald um. In diesem befindet sich auch seine Grabstätte [Fotos: Lou Wagner]

Wie ein Berliner Chirurg einen märkischen Wald heilte. 

„Ökologisch nennt man heute seine Methoden, mit denen er aus den üblichen Kiefernmonokulturen mit ihren armen, durch Streugewinnung noch verschlechterten Böden gesunde, vielgestaltige Mischwälder schuf. In den Sauener Wäldern kann auch der Laie bei jedem Spaziergang die Erfolge des damaligen Forstaußenseiters sehen. Da findet er neben Laub- und Nadelbäumen auch Sträucher, Tief- neben Flachwurzlern, Humusbildner und Humuszehrer, 460 Gehölzarten insgesamt.“ Günter de Bruyn über August Bier in „Abseits“

Alles hier scheint grüner und fruchtbarer als anderswo. Der Dorfanger, eine einzige grüne Wiese. Üppige Obstbäume und am Rand ein Teich, eine Allee. Nur vereinzelt ein paar schön anzusehende Häuser. Meist sind es typisch märkische Ziegelbauten. Papphaus (einst wegen seines Pappdachs so genannt) und his-torisches Backhaus stehen hier einträchtig nebeneinander, nur von einer Streuobstwiese getrennt. Das eine ist heute Informationszentrum des Ortes, das andere Gemeindebackhaus, Ort für Feste und den traditionellen Dorfbacktag. 

Der 100-Seelenort liegt rund 80 Kilometer südöstlich von Berlin, umgeben von gesunden Mischwäldern. Mit Sauen oder gar Wildsauen hat der Name des Ortes nichts zu tun. Er leitet sich vielmehr von slawisch „sowa“, was so viel heißt wie „Eule“, her. Ein Ort der Weisheit also. 

Die Wälder von Sauen sind eng mit dem Wirken des Medizinprofessors August Bier verbunden. Der Arzt war ab 1907 Direktor der chirurgischen Klinik an der Charité, ein vielseitig interessierter Meister seines Fachs. Er hat sich mit neuen Formen der Anästhesie beschäftigt und gilt als Erfinder des Stahlhelms. 1912 kaufte der Doktor das Gut in Sauen samt dem Wald ringsum und wurde Forstmann. Was er vorfand, war ein reiner Kiefernwald. Nach und nach machte er aus dieser Monokultur einen artenreichen Mischwald. August Bier war Anhänger des griechischen Philosophen Heraklit. Dessen Lehre vom Werden und Vergehen und der Einheit der Gegensätze wandte er erfolgreich auf die Waldwirtschaft an. Um das Mikroklima im Wald zu verbessern, pflanzte er ringsherum Hecken, experimentierte mit verschiedenen Baumarten. Traubeneiche, Rotbuche, Bergahorn, Linden, aber auch Gemeine Fichte oder Douglasie lösten die Kiefernbestände ab. Robinien dienten als Stickstoffbildner. Sauen wurde als Musterwald bald auch von Fachleuten wahrgenommen. Wer heute Sauen besucht, dessen Weg führt meist auch zu Biers Grabstätte. Von riesigen Rhododendren umgeben liegt sie mitten im von ihm geschaffenen Wald, etwa zehn Gehminuten vom Gutshaus entfernt. Heute ist die August-Bier-Stiftung für den Sauener Wald zuständig. An ihrer Spitze steht Conrad August Baldamus, ein Enkel von August Bier, wie sein Großvater Professor der Medizin. Nach seiner Emeritierung zog es ihn in seinen Geburtsort Sauen zurück. „Die Stiftung bewirtschaftet die etwa 700 Hektar des Bier’schen Sauener Waldes. Hinzu kommen fünf weitere Naturschutzgebiete mit noch einmal insgesamt 400 Hektar“, sagt der Stiftungsvorsitzende. „Die Naturschutzflächen hat das Land Brandenburg der Stiftung überantwortet.“ Dass die Kompetenz in Sauen nie verloren gegangen ist, ist einigen besonderen Umständen zu verdanken. So war ein Sohn August Biers, Heinrich Bier, bis 1968 Forstmeister in Sauen, das Erbe des Vaters blieb lebendig. Begleitet wurde die Arbeit immer von den forstwissenschaftlichen Einrichtungen in Eberswalde. Prof. Dr. Joachim-Hans Bergmann war bis 1998 Leiter der Abteilung Waldbau der forstlichen Forschung. Für ihn ist Sauen „ein lebendiges Beispiel dafür, was die Sandstandorte des Trockengebietes Brandenburg bei richtiger Behandlung zu leisten vermögen ... Hier hat ein überragender Geist und ein scharfer Beobachter der Forstwirtschaft neue Wege gewiesen und einen Wald geschaffen, der einmalig ist.“

Doch Sauen hat mehr zu bieten als Wald und dörfliches Leben. Sehenswert ist auch das beeindruckende Gutsensemble, eine spätbarocke klassizistische Zweiflügelanlage aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Dazu gehören ein Verwalterhaus, eine Remise sowie die großzügige Parkan--lage. Erhalten geblieben ist auch das Eishaus aus dem 19. Jahrhundert. Alljährlich im Februar wurden hier Eisvorräte für die Gutsküche eingelagert für die Kühlung von Lebensmitteln in der warmen Jahreszeit. Heute dient das Gutshaus frisch renoviert als gemeinsame Begegnungsstätte der vier künstlerischen Hochschulen Berlins. Somit sind auch die Musik, Schauspielerei und Bildende Kunst in Sauen zu Hause.

Karen Schröder 

 

Information

Ein Audioguide führt auf einem 3-Kilometer-Rundweg durch den Ort und den angrenzenden Wald. 

Adresse:
Zum Anger 10
15848 Rietz-Neuendorf OT Sauen. 

Eine telefonische Anmeldung ist erforderlich, da es keine geregelten Öffnungszeiten gibt.

Tel.: 0176-23621880 (Fr. Müller)
oder 0162-9783104 (Fr. Schulz)

 

59 - Sommer 2014
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