Der Spielgenießer

Iker Romero verkörpert den südlichen Lebensstil beim Bundesligisten Füchse Berlin. Frauenhandball fristet in der bunten Berliner Sportszene seit vielen Jahren ein Mauerblümchendasein. Daran änderte auch der Bundesliga-Aufstieg der Füchse im Sommer wenig. Zu ihrem zweiten Heimspiel dieser Saison wurde die Mannschaft aber geadelt: Der große Iker Romero betrachtete sich die am Ende siegreiche Partie gegen die alteingesessene Mannschaft von Frisch Auf Göppingen.

Kulant äußerte der Spanier danach, dass er sich ja auch von den Frauen sportlich mal etwas abschauen könnte. Aber so ist er eben, der Publikumsliebling aus der Max-Schmeling-Halle. Dass er in die Charlottenburger Arena nur wegen seiner aktuellen Freundin Laura Steinbach gekommen war, die ein paar Tage später aus Budapest zu den Füchsen wechselte, kam dem Charmeur nicht über die Lippen. Für solche Aktionen liebt das Berliner Publikum den 34-Jährigen und begrüßte es mit stürmischem Applaus, als der Iberer nach der abgelaufenen Saison seinen Vertrag unerwartet noch um ein Jahr verlängerte. „Das kam für mich genauso plötzlich. Ich hatte doch alles schon gekündigt – meine Wohnung, mein Telefon, mein deutsches Handy“, erinnert Romero an die turbulenten Wochen im Juni. Sogar sein Porsche, mit dem er zu den Trainingseinheiten durch die Stadt flitzt, war schon auf den Autozug Richtung Spanien verladen. Also: Kommando zurück. Genau wie vor gut drei Jahren, als er – völlig ohne Deutschkenntnisse – beim Bundesligisten anheuerte. Als abgetakelter Profi, der nochmal richtig Kasse machen wollte, verunglimpften ihn sogar Fachleute. Schließlich hatte der Star alles gewonnen, was es im Handball zu gewinnen gibt. Was also wollte der Weltmeister und Sieger der Champions League bei einem Bundesligisten, der damals nur theoretische Chancen auf den Meistertitel hatte?

„Eine neue Sprache lernen“, umschifft Iker Romero heute noch jede Klippe auf die diplomatische Tour. Für diese Redegewandtheit, seinen unübertroffenen Wortwitz und seine charmante Art den Fans gegenüber liebt ihn das Publikum genauso wie für seine unnachahmliche Art des Handballspiels. „Manche verstehen das falsch“, kritisiert er. „Wenn ich während des Spiels lache, und das mache ich oft, dann denken die, ich bin nicht mit Ernst bei der Sache. Aber das stimmt nicht. Ich genieße einfach das Spiel. Meine Auffassung ist: Wenn man seine Aufgabe im Sport nicht genießen kann, dann kann man sie auch nicht mit der besten Leistung erfüllen.“

Doch der Denker im Spiel ist nicht nur für die gute Laune zuständig. Der vermeintliche Mediengag führte die Füchse bis in die Endrunde der Champions League und zum deutschen Pokalsieg. „Eigentlich war es Zeit, in die Heimat zurückzukehren. Und ganz ehrlich“, verrät Romero, „bei einem anderen Verein als bei den Füchsen hätte ich das Jahr auch nicht mehr angehängt.“

Immerhin wartet im heimischen Vitoria-Gasteiz seit mehr als drei Jahren seine Wohnung auf ihn. „Alle in meiner Familie wohnen nicht weit weg, drei Minuten oder fünf – sie haben immer mal nach dem Rechten geschaut“, weiß er während der langen Abwesenheit alles in Ordnung. „18 Jahre Leistungssport auf höchster Ebene, da will der Körper und vor allem dem Kopf bald eine Pause.“ Die ist noch einmal verschoben. Aber im Blickfeld. „Weißt du, Spanien ist im Baskenland am schönsten. Da ist die Natur völlig in Ordnung, es gibt Berge, Meer, frische Luft, Sonne.“ 

Um den Übergang in einem halben Jahr nicht zu abrupt erleben zu müssen, freut sich der Profi über Besuch aus der Heimat bei den Spielen der Füchse. „Was ist Handball? Ein schöner Sport, für den Einzelnen vergänglich. Trophäen und Pokale? Sind die wirklich wichtig? Nein, das sind Momentaufnahmen. Wichtig ist die Familie, das ist etwas Bleibendes.“ Und so klärt der Baske über eine Angewohnheit auf, die viele seiner Fans als tiefe Zuneigung zur Religion deuten. Vor dem Gang aufs Parkett pflegt er sich dreimal zu bekreuzigen und sich erst nach einer Art flüchtige Kusshand auf das Spiel zu konzentrieren. „Das gilt meiner Familie, Papa, Mama, meinem Bruder, meiner Schwester, deren Kindern, der Oma – allen die ich liebe. Wenn es denen gut geht, geht es mir gut“, sagt er.

Den Füchsen soll Iker Romero auch über den kommenden Sommer hinaus erhalten bleiben, als Botschafter, Berater – was auch immer. „Wir können gute deutsche und gute spanische Grundlagen vereinen. Aber, mal schauen“, blickt der Mannschaftskapitän vage voraus. Eines ist aber jetzt schon sicher: Die ihm übertragene Aufgabe muss Spaß machen. Iker Romero muss sie genießen können. 

Hans-Christian Moritz

 

60 - Herbst 2014
Sport