Untergetaucht

Eine junge Jüdin taucht im Berlin der Nazi-Zeit unter, um der Deportation zu entkommen. Marie Jalowicz Simon erzählt vom Überleben als deutsche Jüdin in Berlin. Die Tochter aus bürgerlichem Haus hatte wie so viele keine andere Wahl als in der ihr vertrauten Stadt unterzutauchen. Mehr als 50 Jahre später erzählt die spätere Professorin für Antike Literatur und Kulturgeschichte für ihren Sohn die Geschichte ihres Überlebens auf 77 Tonbändern. Hermann Simon, Direktor des Centrum Judaicum,  und Autorin Irene Stratenwerth haben diese zu einem Buch verdichtet. 

Marie Jalowicz Simon ist eine pointierte und schonungslose Erzählerin mit einem minutiösen Gedächtnis. Wie in einem Tagebuch hatte sie alle Eindrücke in ihrem Innern aufbewahrt, niemals sicher, ob sie diese jemandem mitteilen würde.  Schließlich gab es nicht nur engagierte Hilfe oder schlichten Anstand, sondern auch ambivalente Charaktere und auf Eigennutz, ja selbst Sex bedachte Unterstützer.  Ausgehend von der Gegend nahe der heutigen Karl-Liebknecht-Straße,  wo sie als einziges Kind mit ihren Eltern, dem jüdischen Rechtsanwalt Hermann Jalowicz und seiner Frau Betti gelebt hatte, führt sie den Leser quer durch die Stadt. In Spandau  arbeitete sie als neunzehnjährige Zwangsarbeiterin in der Rüstungsindustrie bei Siemens. Mit einem temporeichen und reflektierenden Bericht zeichnet sie die Überlebenswege nach, von zwielichtigen Kneipen bis hinein in die typischen Berliner Hausflure, zu den Wohnadressen der kleinen Leute. Man riecht Bohnerwachs und hört neben der unwirschen Sprache den angehaltenen Atem. Als die Gestapo 1942 an einem ihrer Quartiere klopft, gelingt es der Anfang- Zwanzigjährigen zu entwischen, bekleidet lediglich mit einem Unterrock. Marie Jalowicz,  zeitig Vollwaise,  war hübsch, jung, offenbar mit einem wachen Sinn und einer guten Portion Pragmatismus ausgestattet, also ein Wesen zum Gernhaben, an dessen sprühender Vitalität man sich erfreut, dessen Schicksal aber durch den Antisemitismus der Nazis besiegelt schien. 

Am besten bleibt man, wo man sich auskennt, wo der Dialekt, den man spricht, nicht auffällt. So begann ihre Selbstrettung vor der Deportation. Vier Jahre lang versteckte sie sich, unterstützt von vielen Helfern, in Berlin. Die Vorsicht ermöglicht immer nur kurzen Aufenthalt. „Hunde dürfen wenigstens den Mond anheulen. Ich darf nicht einmal das“, schildert sie gleich zu Beginn des Buches einen tottraurigen Zustand. Und wenn die Bedrängnis, am größten wurde,  sprach Marie Jalowicz mit ihren Eltern: „Eure Erziehung hat mich tief geprägt. Was ich hier erlebe, hat auf mich, auf meine Seele ... keinen Einfluss. Ich muss es einfach überleben.“

Anita Wünschmann

 

Information

Marie Jalowicz Simon „Untergetaucht“
Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945
bearbeitet von Irene Stratenwerth und
Hermann Simon, S. Fischer Verlag GmbH
Frankfurt am Main 2014

 

60 - Herbst 2014