Das Paradies liegt im Süden Brandenburgs

Man will es nicht glauben, auch das ist Brandenburg. Der Saxdorfer Pfarrgarten liegt wie eine Oase in der berühmten Streusandbüchse. Unweit von Bad Liebenwerda im Landkreis Elbe-Elster. Inmitten unscheinbaren Agrarlands. Unter Gartenfreunden ist er längst kein Geheimtipp mehr. Im RBB wählten sie ihn zu den schönsten Gartenanlagen des Landes. Seit 1967 bewirtschaften der Künstler Hanspeter Bethke und der evangelische Pastor Karl-Heinrich Zahn gemeinsam den 10 000 Quadratmeter großen Pfarrgarten. Nichts ist hier dem Zufall überlassen. Garten, Kirche und Kunst gehen eine stimmige Symbiose ein. Dabei sind die beiden Gartengestalter nicht auf einen Stil festgelegt. Die individuelle Handschrift ist überall sichtbar. Dieser Garten kann süchtig machen. Im Frühjahr will man wissen, wie er im Sommer aussieht und später im Herbst. Der Garten ist ein sich ständig wandelndes Gesamtkunstwerk.

„Es wird durchgeblüht“, dieses berühmte Motto des Potsdamer Garten-Nestors Karl Foerster könnte auch das Saxdorfer sein. Von den frühen Feenkrokussen und Winterlingen bis zu den späten Astern und Strauchhortensien. Stolze 3 000 Pflanzenarten sollen es sein, die hier wachsen. Die größte Leidenschaft der beiden Gärtner sind aber der Bambus und die Rosen. Darunter sehr viele historische Duftrosen. „Ich habe zu DDR-Zeiten begonnen, Ableger alter Rosen auszugraben, in Pfarrgärten und auf Friedhöfen“, erzählt Hanspeter Bethke von den Anfängen. Etwa 300 Rosensorten sind mittlerweile zusammengekommen. Eine „Gloire des Jardins“ und eine „Reine des Violettes“ blühten auch schon in den königlichen französischen Gärten. An der Kirche rankt eine alte „Ayrshire Queen Rose“ und am Westgiebel steht ein Spross des 1000-jährigen Rosenstocks vom Hildesheimer Dom. Im Mai beginnen die ersten Rosen zu blühen, aber die Hauptzeit ist der Juni. Die auch als Samtrose bezeichnete Tuscany blüht eher etwas später. Doch der Pfarrgarten ist kein Rosengarten. Strauchpäonien, Azaleen, Fingerhüte und Kugel-Lauchgewächse ergänzen das Bild aufs Trefflichste. Weite Partien des Gartens sind im späten Frühjahr in Rot-violett-Töne getaucht. Diese gelungene Kombination aus einheimischen und exotischen Pflanzen macht den Charme aus. Ein wenig berauscht durchstreifen die Besucherinnen und Besucher, die vor allem am Wochenende kommen, die zahlreichen Wiesenpfade. Auf Pflaster haben die Saxdorfer Gärtner bewusst verzichtet. Hier ist alles grün. „Solche Rasenwege haben wir nicht einmal in England gesehen“, erklärt Hanspeter Bethke stolz. Dabei sei England sonst gärtnerisch ihr großes Vorbild. Immer wieder ergeben sich im Garten neue Durchblicke. Verschiedenste Pflanzen gehen überraschende Verbindungen ein. Das ist es, was den lebendigen Reiz des Saxdorfer Gartens ausmacht. Zu vielen seiner Pflanzen weiß Hanspeter Bethke eine Geschichte. Den Mammutbaum etwa habe er zu DDR-Zeiten aus einem Samen gezogen, den er aus der Schweiz geschenkt bekommen hatte. Den Samen für den asiatischen Papiermaulbeerbaum haben Freunde aus Bulgarien mitgebracht. Die Pflanzen holten die Welt in die Mark. „Einen florierenden Gartenhandel, wie er heute existiert, gab es damals nicht“, gibt Pfarrer Zahn zu bedenken. Die schönen historischen Sandsteinelemente, die den Garten durchziehen, hat Karl-Heinrich Zahn großenteils auf den Mülldeponien der Gegend gefunden, zu einer Zeit, als diese Dinge bei der Dorfbevölkerung noch nicht so hoch im Kurs standen wie heute. Dieser biografische Hintergrund macht das blühende Gartenreich der beiden Männer noch erstaunlicher. Hier hat sich jemand ein Refugium geschaffen, vielleicht auch als trotzige Gegenwelt zum wenig erfreulichen sozialistischen Alltag. Sorgen macht den beiden Gärtnern die Zukunft ihres Lebenswerks. „Ein Garten braucht kontinuierliche Pflege, und die können wir altersbedingt nicht mehr leisten“, sagt Karl-Heinrich Zahn. „Zum Glück gibt es in unserem Umfeld helfende Hände, aber eine richtige Gärtnerstelle wäre wichtig.“ Kultur und Garten gehörten in Saxdorf von Anfang an zusammen. 

Im vergangenen Jahr feierten die Saxdorfer 40 Jahre Kunst-Kultursommer. Als die mittelalterliche Kirche mit ihren Fresken und dem sehr schönen Marienaltar res-
tauriert war, auch hier war Hanspeter Bethke maßgeblich beteiligt, ging es Mitte der 1970er-Jahre los. Bethke lud im Sommer seine Künstlerfreunde zu Plenairs ein. Zum Abschluss trommelte Günther Baby Sommer oder es sang Dirk Zöllner. Viele Kontakte auch in die klassische Musikszene hinein entstanden zu dieser Zeit. Nach der Wende kam noch ein moderner Veranstaltungspavillon, der auch als Galerie genutzt wird, dazu. Träger des Gartens und der Saxdorfer Sommermusiken ist mittlerweile der Verein „Kunst- und Kultursommer Saxdorf e.V“. Das musikalische Spektrum reicht auch heute von der Oper über den Jazz bis hin zu Klaviermusik. Gerade anlässlich der Konzerte drängeln sich die Menschen im Garten. Deshalb sollten Gartenliebhaber unbedingt an einem anderen Tag noch einmal wiederkommen.

Karen Schröder 

 

Information

www.Saxdorf.de
Hauptstraße 5, 04895 Saxdorf

Öffnungszeiten:
von April bis Mitte Oktober mittwochs, samstags und sonntags 
10 Uhr bis 18 Uhr, sowie in Verbindung mit den Konzerten, Eintritt: 
3 Euro, Größere Besuchergruppen werden um Voranmeldung gebeten.

nächste Veranstaltungen:
Pfingstmontag, 25. Mai 2015, 16 Uhr,
Konzert mit dem Blechbläser-Quintett „emBRASSment“

Sonntag, 31. Mai 2015, 16 Uhr,
Konzert zur Rosenzeit „Heimliche Aufforderung – Lieder und Duette“

 

62 - Frühjahr 2015