So geht Zoo!

So geht Zoo!

Je weniger die Tiere von den Menschen merken, desto besser [Foto: Christian Wyrwa]

„Wir treffen uns bei den Elefanten!“, ruft eine junge Mutter mit Kinderwagen fröhlich, nachdem sie eine Jahreskarte für den Zoo Berlin gekauft hat. Ihr kleiner Sohn quengelt. Die andere Mutter muss noch warten, es gibt eine kleine Schlange an der Ausgabestelle für Jahreskarten. Es ist ein ganz normaler Wochentag. 

Das sind genau die Zoo-Besucher, von denen ein Mann, der im selben Haus zur selben Zeit an der Zukunft von Zoo, Aquarium und Tierpark arbeitet, träumt. 

Die Babys im Kinderwagen werden irgendwann einmal ihre Eltern anbetteln, dass sie in den Zoo wollen. Und die Eltern werden vielleicht einen Teil ihres Erbes den Tieren vermachen. 20 Prozent des Budgets des Berliner Zoos stammen aus den Geldern von Erbschaften. So viel wie in Berlin spenden die Menschen für keinen anderen Tierpark der Welt. „Ohne sie wäre der Zoo gar nicht denkbar“, sagt Andreas Knieriem, Veterinärmediziner und Direktor des Zoologischen Gartens und des Tierparks Berlin. 

Während anderswo die Kinder vom angesparten Wohlstand profitieren, sind es in Berlin häufig die Gnus, Tintenfische, Eisbären und Orang-Utans. Und wer jetzt darüber nachdenkt, ob er die Bergziegen und Haie lieber hat als die gierige Verwandtschaft: Es lohnt sich auch finanziell, denn die wohltätige Überweisung ist, da es sich um eine gemeinnützige AG handelt, von der Erbschaftssteuer befreit. 

„Die Berliner sind stolz auf ihren Zoo, es gehört zum guten Ton, für die Tiere zu spenden“, hat der 49-Jährige, der seit April 2014 im Amt ist, erfreut festgestellt. Beste Lage, drei Millionen Besucher zählt man hier jedes Jahr. Warteschlangen sollen bald der Vergangenheit angehören. Die Konkurrenz schläft nicht, nur Tiere gucken ist im 21. Jahrhundert ein antiquiertes Modell der Freizeitgestaltung. Das mag angesichts der Faszination, die für viele Menschen von Tieren ausgeht, ein wenig befremdlich klingen. Braucht ein Zoo mit 27 000 Tieren tatsächlich „Erlebniswelten“, lohnt es sich nicht, einfach „nur“ wegen des niedlichen Giraffenbabys oder der imposanten Seekühe zu kommen? Andreas Knieriem ist nicht für gesellschaftliche Veränderungen verantwortlich – er muss mit seinen Mitarbeitern die Erwartungen erfüllen. Der Mann weiß, wie Zoo „geht“, von 1995–1996 arbeitete er als stellvertretender Tierarzt der Zoo Duisburg AG, von 1996 bis Oktober 2009 war er Leitender Tierarzt und stellvertretender Zoologischer Leiter im Zoo Hannover. Dort arbeitete er maßgeblich am Umbau zum erfolgreichen Erlebnis-Zoo mit – und hat von dort bestimmt die eine oder andere Idee für Berlin im Gepäck. Vor Berlin war er im Münchener Tierpark Hella-brunn tätig, zuletzt als Direktor. Er liebt – natürlich! – Tiere, ist bekennender Aquarianer. An einem schwierigen Standort wie Berlin braucht man wirtschaftlichen Sachverstand und Ideen. Einige sollen das Leben der Tiere angenehmer und artgerechter gestalten. Andreas Knieriem plant Erlebniswelten, die Devise lautet: „Näher an die Tiere“. Und je weniger die von den Menschen merken, desto besser. In freier Wildbahn hätten die Großstadt-Dschungelbewohner Angstschweiß auf der Stirn, wenn sie einem Tiger begegneten, im Berliner Zoo soll man, von den Raubtieren unbemerkt, sie von „geheimen“ Kabinen aus beobachten können.   

„Die Raubtiere brauchen dringend mehr Platz“, sagt der Zoo-Direktor. Im Alfred-Brehm-Haus tigern sie derzeit auf engem Raum auf Kacheln hin und her. Kein artgerechter Zustand, das muss geändert werden, zuerst werden, sozusagen als Erste Hilfe, die Außengehege vergrößert. Und auch die Elefanten würden sich in einem größeren Areal wohler fühlen.

Ein moderner Tierpark braucht ein System, das die Besucher effizient von Gehege zu Gehege leitet. Im riesigen Tierpark sollen deshalb, wo die Sicherheit gewährleistet ist, Zäune abgebaut und Sicherheitsgräben eingerichtet werden. Die Naturanlagen sollen künftig besser genutzt werden; so plant Andreas Knieriem einen „Brandenburger Bauernhof“, auf dem bedrohte einheimische Arten gezeigt werden sollen und Besucher eine Schafschur miterleben können, die Zoo-Schule soll nach Friedrichsfelde umziehen, denn dort ist mehr Platz. Vielleicht bringt das eine kleine Trendwende, im Tierpark sind 96 Prozent der Besucher aus dem Ostteil der Stadt, sie kommen hauptsächlich aus Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf. Eine Million Menschen kommen jedes Jahr, aus finanzieller Sicht betrachtet ist das zu wenig, der Tierpark ist defizitär. Zu den unerfreulichen Zahlen gesellte sich noch ein anderes Problem, als ein vergifteter Sandberg auf dem Gelände auftauchte, dessen Entsorgung laut Schätzung 2,4 Millionen Euro kosten soll, dazu kommen Energiekosten von zwei Millionen Euro. Andreas Knieriems Ziel ist es, diesen Betrag mit einem neuen Energiekonzept zu halbieren. 

Der Berliner Zoo, der im Jahr 1844 eröffnet wurde, ist der älteste Deutschlands. 65 Prozent der Besucher kommen nicht aus Berlin. Wenn die lange Schlange stehen müssen, geraten sie unter Zeitdruck, reagieren verstimmt und ändern vielleicht ihre Pläne. Also müssen sie unterhalten werden. Schöne Souvenirs gehören zum Pflichtangebot eines modernen Tierparks, weshalb Andreas Knieriem Souvenirshops plant. Der Zoo-Haupteingang mit dem Löwentor bekommt ab Spätsommer und bis 2017 ein neues, besucherfreundlicheres Gesicht. „Der Zoo allein hat 1 600 Arten, nirgendwo sonst auf der Welt kann man so viele Tiere sehen“, sagt Andreas Knieriem. Auf Platz zwei liegt Pilsen mit 1 300 Arten, dahinter alle anderen Zoos, die meistens unter 1 000 Arten haben. Im Berliner Aquarium, dem artenreichsten Haus seiner Art, leben auf drei Etagen in Aquarien und Terrarien mehr als 13 000 Tiere in über tausend Arten. Eigentlich tolle Zahlen. Wenn nur die vielen Sorgen nicht wären. Aber ein Zoodirektor wird auch  belohnt, immer wieder gibt es Stars der Tierwelt, zuletzt hat Orang-Utan „Rieke“ die Herzen der Hauptstädter erobert. 

Als das Muttertier ihr Junges nach der Geburt nicht annahm, litt ganz Berlin mit. Bao-Bao, Knut, Rieke – solche Tiere sind Glücksfälle für jeden Zoo, denn sie erinnern Menschen daran, dass es wieder einmal an der Zeit wäre, die Tiere zu besuchen. Rieke geht es in ihrem neuen Zuhause, der britischen „Monkey World“, sehr gut. Bleibt die Frage: Wer wird der nächste tierische Star? Andreas Knieriem stellt Pandabären in Aussicht, die Verhandlungen laufen.

Silvia Meixner

 

63 - Sommer 2015
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