Die schönen Dinge

Es fällt nicht schwer, mindestens sieben Sachen aufzuzählen, die schön sind. Carsten Gollnicks absolut schlichte Holz-Stapeldosen „Capsule“ gehören dazu. Das edel verarbeitete sinnliche Material schmeichelt den Augen und der Haptik.  Ebenso die feinen Schalen „Oona“ und „Fia“ von der Chinesin und Wahl-Hamburgerin  Congsu He, die ebenfalls die Stapelidee, aber diesmal in pastellfarbenem Beton zelebriert. Béton brut ist hier zum Biskuit verfeinert und dennoch ganz und gar pures Material.  Die mundgeblasene Vase von Pietro Chiesa faltet sich zu einer organischen Form und ist vor allem in der weiß satinierten Variante eine Charmeoffensive italienischer Glaskunst aus dem Jahr 1932 und zugleich die südliche Schwester von „Savoy“, der nordischen Schönheit von Alvaro Aalto von 1930. Alvaro Aalto gilt als der Klassiker, der die Anmutung der Natur in moderne Form transformierte. Schön in einem aufregenden Sinne, der sich mit dem Betreten von Neuland verbindet,  sind die hohen „Mesh“-Vasen, die Werner Aisslinger gemeinsam mit der französischen Glaskunstfirma „Meisenthal“ entwickelt hat.  Das Glasfasertextil, das als Formtasche für die Vasen fungiert,  wird später wieder entfernt und hinterlässt fantastische Strukturen auf den fließend  aufragenden Unikaten. Unprätentiös schön sind Massivholzbretter, egal ob unregelmäßig oder  prägnant.  Kerzenständer, Teelichter, Spiegel, Uhren und Kleinigkeiten wie die filigranen Metallkörbe „Push“ vom Berliner Label „Fundamental“ gehören zu den Schönheiten des Alltags.  Obendrein gibt es Objekte, die keine andere Funktion haben als die Sinne zu fokussieren. Der eher für industrielle Strenge und  Materialexperimente bekannte Designer Konstantin Grcic sagt in einem früheren Interview: „Für mich aber sind die sieben Sachen eines Menschen das Wichtigste, die oft kleinen Dinge, mit denen man durchs Leben geht.“  Es seien nicht „unbedingt futuristische Dinge. Es muss nicht alles nach Zukunft aussehen, was mich in die Zukunft begleitet. Es muss mit mir zu tun haben“. Das könnten für den einen ein ererbtes Schreibtischset, aber auch nur ein paar bunte Scherben, Knöpfe, russische Lackschachteln, für den anderen das Lieblingsschachbrett sein, katalanische Püppchen oder Omas Wecker. 

Accessoires, die Spielmittel des Alltags inklusive der Verfremdung ihres ursprünglichen Zwecks,  sind so vielfältig wie das ganze bunte Leben: Da gibt es das Rätselhafte, Obskure, das Lustige, vintage und hightech, Kuschel- und Küchenaccessoires, „Gadgets“, Schönes von weiter weg oder vor Ort gefertigt, handgemacht oder industriell.  Das Schöne zeigt sich in Materialien: Papier, Bambus,  Filz und Fell, Kupfer und Holz, Beton und Marmor, auch Kunststoff. Das Grobe und das Feine. Der Kreisel dreht sich immer schneller und irgendwo ist immer noch ein Platz frei.

Puristen haben den Sinn dafür geschärft, dass man nicht in einer Fülle des Unnützen untergehen muss. Die Zauberformel heißt Auswahl. Verzicht. Reduktion. Auch Verfeinerung des Wenigen, der Werkstoffe ebenso  wie der Herstellung. Statt Horror vacui, akzentuierte Leere.

Eine Ansammlung von Fröschen beliebiger Materialqualität, die sich in Vitrinen, auf Fensterbänken und selbst in Sofanischen ausbreitet und deren  knallfarbene Exemplare schon im Eingangsbereich „Hallo“ zu sagen scheinen, ist vielleicht eine extreme Ges-te und stellt nicht nur Minimalisten auf eine Akzeptanzprobe, die über irritierte Schönheitsvorstellungen deutlich hinauswachsen muss. Eine  Aufreihung von Porzellan-Katzen legt ebenfalls Fährten, die vom Objekt in Richtung Sehnsucht führen oder auf einen speziellen Humor verweisen. Trostspender beanspruchen zunehmend Räume. Tiere aller Art machen es sich auf Sofas bequem. Der Spielfreude sind keine Grenzen gesetzt. 

Das Ding als Schmeichelobjekt, Augenfreude,  Fernwehmodulator, als Alter Ego des Selbst, als Vehikel für religiöse und sonstige Bräuche  –   Statussymbol ist dabei ein Kulturgut historischer Dimension, gerade im Begriff, zwischen Realem und Digitalem hin und her zu switchen.  Schönes zu schaffen ist ein Grundbedürfnis. Der Besitz ist eine andere Frage. Neben den Puristen gibt es als zweite große Gruppe die Zeitgenossen der Opulenz und Fülle. Im besten Fall zeigen sie mit ihren Behausungen, dass sich Mensch und Ding nicht nur gut vertragen, sondern gegenseitig auch zur Höchstform anstacheln können, und dies in schöner Ignoranz gegenüber aktuellen Trends von Maß und Achtsamkeit.  Hier  geht die Fantasie in den eigenen vier Wänden wandern und tastet sich durch Wunderkammern. Sie berührt wahlweise Artefakt, Trash und Naturobjekt, mäandert durch Geschichte und  Gegenwart. Die Trouvaillen bilden einen Mikrokosmos der eigenen Art.

Seit der maschinellen Massenproduktion reißt die Debatte über das Ding und die Würde des Benutzers nicht ab. Von William Morris, der mit Art&Craft die Briten vor den Zumutungen der frühen Massenproduktion retten wollte, zu Alfred Loos in Wien, der sich mit Streitschriften für funktionale Gradlinigkeit und Angemessenheit einsetzte, zur Produktästhetik des Bauhauses. Uralte Herstellungsverfahren für das zeitgemäß Schöne zu erwecken, ist heute ein ebenso bedeutsamer Aspekt wie das populäre Upcycling und die Wahrscheinlichkeit, dass Millionen Menschen in  naher Zukunft mit eigenen Druckern sich Lieblingsdinge selbst herstellen. Die Dingwelt lässt die Gemüter nicht kalt. Gott bewahre vor ästhetischen Verfehlungen! Es gibt dieses Unbehagen, im Falschen zu sein. Erst recht mit Unpassendem beschenkt zu werden. Für Ungebetenes existieren erprobte Verbannungsorte: Boden, Keller, Kisten und Trödelmarkt. Internetplattformen halten die Wanderbewegung der Objekte am Laufen. Etwa „100 000 Dinge besitzt im Durchschnitt ein Deutscher“, sagt Konstantin Grcic. Wegzudenken sind auch die schönen überflüssigen Dinge, die Accessoires, nicht. Abgesehen davon, man verjüngt sich mit einer persönlichen Tabula rasa.

Anita Wünschmann

 

68 - Winter 2016